Praktika, Papers, Pulitzer-Preis

Vanessa Wormer hat als investigative Datenjournalistin an den Panama Papers mitgearbeitet. Wie sie ihre Leidenschaft für Daten entdeckte, sich in die USA wagte – und sich monatelang durch fremde Mails wühlte.

Von Franziska Pröll (Stipendiatin 2017)

Sie arbeitete frei für die „Badischen Neuesten Nachrichten“, machte als ifp-Stipendiatin mehrere Praktika und volontierte bei der „Heilbronner Stimme“. Hätte die Volontärin nicht ihre Leidenschaft für Daten entdeckt, wäre sie wohl heute noch Redakteurin bei der baden-württembergischen Lokalzeitung. Doch Vanessa Wormer schlug einen anderen Weg ein – einen, der sie hoch hinaus führte. Ihr Büro hat sie nun im 24. Stock „vom Turm“, wie Mitarbeiter den hohen, gläsernen Bau des „Süddeutschen Verlags“ in München nennen.

Seit September 2015 ist Vanessa Wormer Teil der Investigativ-Abteilung der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ). Sie stieß mitten in den Recherchen zu den Panama Papers zum Team. Monatelang arbeitete sie daran mit, die riesige Menge an Daten zu durchdringen.

„Das Projekt hat alle Dimensionen gesprengt“, sagt sie heute. Und das in vielerlei Hinsicht: 2,6 Terabyte in 11,5 Millionen Dokumenten umfassten die Panama Papers. 400 Journalisten aus fast 100 Ländern arbeiteten daran, koordiniert durch das International Consortium of Investigative Journalism (ICIJ), eine gemeinnützige Organisation. Allein für die SZ entstanden hunderte Geschichten aus den Panama Papers – international waren es noch deutlich mehr.

Ein Programm in den USA ebnet den Weg

Dass Vanessa Wormer in einer so spannenden und turbulenten Recherchephase zur SZ gelangte, verdankt sie vor allem: sich selbst. Die junge Journalistin hatte nach ihrem Volontariat eine unbefristete Stelle als Redakteurin bei der „Heilbronner Stimme“ bekommen. In Zusammenarbeit mit einem Entwickler setzte sie datengetriebene Geschichten (zum Beispiel zum Bombenangriff auf Heilbronn oder der Unfallgefahr auf der A6) um. Sie mochte ihren Job, noch dazu war er sicher. Andere hätten daran festgehalten. Doch Vanessa Wormer spürte „eine große Lust, etwas Neues zu lernen“: den Umgang mit und die Visualisierung von Daten.

Das Ziel vor Augen, ließ sie schnell Taten folgen. „Wenn ich neue Ideen oder mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann fällt es mir schwer, das beiseite zu schieben und zu warten“, erzählt Vanessa Wormer. Also begann sie, sich bei anderen Journalisten umzuhören, recherchierte im Internet – und entdeckte etwas, das für sie perfekt klang: das von der Columbia University angebotene Lede Programme.

„Das Programm versprach genau das, was ich lernen wollte: Datenjournalismus“, sagt Vanessa Wormer. Ihre Augen strahlen, ihre Worte betonen die Entschlossenheit: „Ich habe mir in den Kopf gesetzt, das zu machen.“ Immer wieder rieten ihr Kollegen, erst einmal langsam zu machen und Geld zu sparen. Doch längst hatte Vanessa Wormer eine Bewerbung nach New York geschickt, längst wollte sie unbedingt dorthin.

Die Zusage kam. Dreieinhalb Monate lang lebte sie in New York und lernte an der Columbia. Den Aufenthalt finanzierte sie überwiegend durch Stipendien und ein zinsloses Darlehen des ifp-Fördervereins. Im Sommer, die Hälfte des Columbia-Kurses war vorbei, kontaktierten sie die SZ-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier. Die beiden suchten Verstärkung für das bis dahin überwiegend aus Männern bestehende Investigativ-Team.

Die Datenmenge ist enorm – und hochaktuell

Vanessa Wormer war plötzlich mittendrin. „Am Anfang fand ich es komisch, in fremden Mails herumzuwühlen und teils intime Einblicke zu bekommen“, sagt sie mit Blick auf die Anfänge ihrer Panama Papers-Recherchen. Sie musste die Mails der Mossack Fonseca-Mitarbeiter durchsuchbar machen und strukturieren. Keine einfache Aufgabe, denn die Datenmenge war enorm – und sie wurde immer größer. Ein Informant versorgte die Investigativ-Redakteure während der Recherche laufend mit neuen, erst ein paar Tage alten Daten. „Für uns hat es sich ein bisschen so angefühlt, als wären wir live im Büro dabei – so als würden wir den Mitarbeitern von Mossack Fonseca bei ihrer Arbeit über die Schultern schauen“, erzählt Vanessa Wormer.

Während der monatelangen Recherche tauschte sie sich intensiv mit ihren Kollegen – innerhalb der SZ und international – aus. Mit der Familie, Freunden oder ehemaligen Kollegen sprach sie hingegen nicht über ihre Arbeit. „Wenn mich jemand fragte, woran ich gerade sitze, habe ich versucht, so langweilig wie möglich zu antworten“, erzählt sie. Natürlich sei ihr das schwer gefallen. Nun bringt sie der Gedanke zum Schmunzeln. Geholfen habe ihr, sich bewusst zu machen, dass die Recherche ein großes öffentliches Interesse berührte. „Irgendwann haben die anderen akzeptiert, dass ich nichts herauslasse“, sagt sie.

Bis zum Gong der Tagesschau wird an den Texten gearbeitet

Mit dem Launch der Panama Papers am 3. April 2016 wurde das Schweigen für ihr Umfeld begreifbar. Die Tagesschau moderierte das Projekt an, an dem Vanessa Wormer und ihre zahlreichen Kollegen lange gearbeitet hatten. Sie selbst hat diesen Moment als „skurril“ erlebt und ihn doch gar nicht richtig wahrnehmen können, weil die Redaktion bis zum Gong der Nachrichtensendung mit der digitalen Produktion der Panama Papers-Texte beschäftigt war. „Hätten wir eine Stunde weniger Zeit gehabt, wären wir nicht fertig geworden“, so Vanessa Wormer, im Rückblick gelassen.

Im Frühjahr 2017 durfte sie dann erneut zur Columbia nach New York reisen – das ICIJ erhielt für die Recherchen zu den Panama Papers den renommierten Pulitzer-Preis.

Kurze Zeit später steckte das Investigativ-Team schon in einer weiteren, großen Recherche. Wormer arbeitete darin vor allem mit Unternehmensdaten. Sie untersuchte, wie es Firmen und Mitarbeitern gelingt, staatliche Steuern zu vermeiden. „Die Arbeit ist sehr fordernd“, erzählt sie. „Aber ich betrachte es als meine Aufgabe, nicht aufzugeben, mich auch mal durch etwas durchzuquälen und die Menge an Daten schließlich zu durchdringen.“

Eine gewisse Grundausdauer und Hartnäckigkeit, das sind ihr zufolge Eigenschaften, die ein investigativer Journalist mitbringen muss. Vanessa Wormer hat es dank beider weit gebracht.

Anmerkung: Mittlerweile ist klar, worum es in der großen Recherche ging – die „Paradise Papers“. Das Portrait wurde vor deren Veröffentlichung Ende Oktober verfasst.

Titelbild: Benedict Witzenberger

Franziska Pröll

Von

Franziska Pröll

Franziska Pröll ist als Journalistin immer auf der Suche nach den richtigen Fragen - und interessanten Menschen, denen sie diese stellen kann. Für diesen Artikel ging es hoch hinaus in den SZ-Turm. Ansonsten zieht es sie öfter ins Weite: Ob Kaffeeröster in Mexiko, Missionarin in Peru oder Geflüchteter in Deutschland: Franziska schreibt am liebsten über Menschen mit besonderen Fähigkeiten und Erfahrungen. Wenn sie dabei auch noch Spanisch sprechen kann, está muy contenta. Mehr von ihr gibt's bei Twitter (@frauproell) oder Torial.