Osteuropa jenseits der Klischees

Seit 2006 reisen ifp-Absolventen jährlich in eine Hauptstadt Mittel- oder Osteuropas. Ziel: In vier Tagen möglichst viele neue Einblicke in Kultur, Land und Leute gewinnen. Da kann gelegentlich sogar die heimische Organisatorin noch Neues entdecken.

Von Ana Nedelea (Ostkurs 2009)

Ich zögerte kurz, als ifp-Studienleiter Bernhard Rude mich fragte, ob ich mit ihm eine ifp-Journalistenreise nach Bukarest organisieren möchte. Das „Ja” kam mir nur zögerlich über die Lippen. Denn die Routine des Alltags und ich pflegen eine Hassliebe-Beziehung. Ich hasse sie und trotzdem zögere ich manchmal, daraus auszubrechen.

Nach einigem Nachdenken kam ich jedoch zu dem Schluss, dass ich nach dem ifp-Ostkurs in München, den ich sieben Jahre zuvor absolviert hatte, nie wieder das Wort „schnell” in seinem wahren Sinne erlebt hatte. Also warum nicht die Chance nutzen, deutsche Kollegen bei der ifp-Ostreise „schnell” durch Bukarest zu lotsen? Und ihnen dabei meine Heimatstadt zu zeigen – die bewegte Geschichte, die ihre Spuren so deutlich hinterlassen hat, ihre gute Atmosphäre, ihr mildes Klima, ihre gutmütigen Menschen, nicht zuletzt ihre vielen coolen Orte und natürlich Bars – allen voran das Control.

Die größte Chance der ifp-Ostreise nach Bukarest lag für mich jedoch darin, meine Heimatstadt und mein Land auch jenseits der – meist negativen – Klischees in den deutschen Medienberichten zu zeigen. Denn der stereotypische Blick auf Rumänien und andere Länder aus dem ehemaligen Ostblock war mir in den deutschen Medien allzuoft aufgefallen. Warum also nicht die Chance nutzen, deutschen Journalisten eine andere Perspektive anzubieten?

(Prüfungs-)Angst vor der Antikorruptionsbehörde

Mein zögerndes „Ja” wurde also sehr schnell zu einem enthusiastischem „Ja!”. Ich war mir jedoch sicher, dass der Ostreisen-Chef Bernhard Rude und ich auch vor einer großen Herausforderung standen. Zweifelsohne gibt es Profis, gut ausgebildete und engagierte Menschen in Rumänien, die etwas bewegen wollen und können. Sie als Gesprächspartner zu gewinnen, ist aber nicht immer leicht – auch für uns nicht.

Das Seminar begann mit einer witzigen Stadtführung und endete drei Tage später mit dem Gespräch mit Laura Kövesi, der Leiterin der Nationalen Antikorruptionsbehörde. Ein Termin, der mich erzittern ließ. Diese Erfahrung hatten vermutlich auch viele ihrer früheren Gesprächspartner gemacht, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Dass ich das Gespräch mit der „Eisernen Dame der rumänischen Justiz” dolmetschen musste, ja dass ich diese Frau, die vielen Rumänen als eine wahre Heldin gilt, überhaupt kennenlernen durfte, gab mir ein Gefühl, das der Prüfungsangst aus der Studienzeit gleichkam.

Nur vier Monate nach der ifp-Ostreise protestierten Hunderttausende Rumäninnen und Rumänen in Bukarest, um den Kampf ihres Landes gegen Korruption zu unterstützen. Laura Kövesi wurde europaweit bekannt als die Frau, die sich mit den Mächtigen anlegt. Es waren die größten Proteste in Rumänien seit der antikommunistischen Revolution. Und ich hoffte, dass das Seminar in Bukarest den Journalisten zu einem besseren Einblick in diese Situation verholfen hatte.

Zehn Stunden Programm, dann Feier mit dem Botschafter

Die ifp-Ostreise nach Bukarest gab auch mir die Gelegenheit, Landsleute kennenzulernen, die ich bewundere und die ich immer schon mal treffen wollte. Ich habe viele tolle Momente mit einer energievollen und lustigen Gruppe erlebt. Und ich habe deutsche Journalisten kennengelernt, die ein aufrichtiges Interesse für Osteuropa, seine Geschichte und seine Gegenwart haben.

Nicht zuletzt verdanke ich diesem Seminar in Bukarest eine neue Fähigkeit: mich vor einer Feier im Laufen frisch zu machen, damit der Botschafter beim Empfang zum Tag der Deutschen Einheit im Nationaltheater nicht merkt, dass wir schon etwa zehn Stunden Programm hinter uns haben. Und noch etwas: meine erste Führung durch den berühmten Parlamentspalast. Denn ich muss gestehen, das Gebäude, das für viele Ausländer als Symbol meiner Stadt gilt, vorher nie richtig besucht zu haben. Das ist vielleicht darauf zurückzuführen, dass im Bewusstsein der Bukarester, die riesengroße Casa Poporului negativ beladen ist und eher als Symbol des kommunistischen Ceausescu-Regimes angesehen wird.

 Von der Organisatorin zur Teilnehmerin

Das ist alles schon eine Weile her. Aber ich erinnere mich noch an die Aufregung vor den Terminen und die Zufriedenheit, nachdem alles plangemäß und gut gelaufen war. 2017, ein Jahr später, habe ich den Spieß dann umgedreht und mich der ifp-Reisegruppe in den Kosovo angeschlossen. Meine Chance, den jüngsten Staat Europas aus persönlicher Perspektive und jenseits der Medien-Klischees zu entdecken. Das ist für mich der größte Gewinn der ifp-Ostreisen: ein Land mit eigenen Augen sehen, seine Geschichte, seine Gegenwart, seine Kultur und seine Menschen aus unmittelbarer Nähe entdecken – und dabei eine tolle Stimmung genießen.

Ana Nedelea

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Ana Nedelea

Ostkurs-Teilnehmerin 2009, Mit-Organisatorin der Ostreise 2016 nach Bukarest, Teilnehmerin der Fahrt nach Prishtina 2017. Arbeitet als Redakteurin in der deutschen Redaktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Rumänien und für die rumänische Ausgabe der europäischen Kulturzeitschrift „Lettre Internationale“.