„Mind the Gap!“

Die deutsche Presse verkörpert alles, was die Orbán-Regierung am „Westen“ verachtet: Kritischer Geist, Antinationalismus, Europa-Freundlichkeit, Vergangenheitsbewältigung. Und darum hat die ungarische Regierung auch ein Problem mit der Pressefreiheit. Die Gründe für ein Missverständnis.

Von Péter Techet (Ostkurs 2008)

Vor Weihnachten saß ich wieder einmal in einem der überfüllten Waggons der Österreichischen Bundesbahn (ÖBB), die die zahlreichen Ungarn für einen kurzen Urlaub aus Westeuropa heimbringen. Im Speisewagen höre ich da immer wieder interessante Menschen – mit traurig bitteren oder komischen Geschichten über ihr neues Leben im Ausland. Ungarische Prostituierte, Krankenschwestern, Maurer oder Doktoranden, Ingenieure aus Wien, Basel oder Stuttgart erzählen einander ihre Erfahrungen. Alle scheinen sehr stolz darauf zu sein, den Sprung aus dem hoffnungslosen und armen Land gewagt zu haben. Sie trinken Ottakringer zu Gulaschsuppe oder Debrecziner. Bedient werden sie von rumänischen oder slowakischen Kellnerinnen – freilich auf Deutsch.

Ein Hauch Donaumonarchie schwingt im Zug zwischen Frankfurt und Budapest mit – Kaiser und König Franz Joseph muss vom oben schmunzelnd herunterblicken. Aber die osteuropäische Tristesse verbreitet sich immer schneller. Nach Linz oder Wien sitzt fast nur noch der ehemalige Ostblock im Speisewagen. Vor der ersten ungarischen Haltestelle, dem Zungenbrecher Hegyeshalom, schallt es aus dem Bord-Lautsprecher: „Beachten Sie den Niveauunterschied zwischen Zug und Bahnsteig!“ Mind the Gap – gemeint könnte nicht nur die Zugtreppe, sondern auch der Wohlstand oder etwa die Pressefreiheit sein.

Während die „Lügenpresse“-Rufe in Deutschland meistens auf den Hauptplätzen ostdeutscher Städte erschallen, werden sie in Ungarn auch ständig gedruckt. Die regierungsnahe Presse in Ungarn behauptet fast jeden Tag, dass Deutschland eine „Meinungsdiktatur“ sei, wo die Menschen unter dem „Meinungsdiktat der Achtundsechziger“ zu leiden hätten. Nach der berüchtigten Kölner Silvesternacht drehte sich die komplette rechtskonservative Presse in Ungarn um diesen Vorfall: Wochenlang schrieben sie darüber, wie die deutschen Medien bewusst die Ereignisse verschwiegen hätten. Als ich versuchte, in der konservativen Tageszeitung „Magyar Nemzet“ zu erklären, warum die deutschen Zeitungen nicht sofort mit fremdenfeindlichem Hass auf alle Nachrichten reagieren, in denen Flüchtlinge vorkommen, haben mich deren Redakteure plötzlich kritisch beäugt. Menschen, die kein Wort Deutsch können, erklärten mir dann in langen Artikeln, wie die deutsche Medienlandschaft so funktioniere – freilich von einem einzigen geheimen Zentrum gesteuert.

Hass gegen alles Deutsche hat in Ungarn Tradition

Immer wieder finden sich sogar deutschsprachige Journalisten, die ungarische Leser gerne über das „Joch“ der deutschsprachigen Journalistenzunft aufklären – etwa der „Weltwoche“-Korrespondent Boris Kálnoky oder der ehemalige „Die Presse“-Chefredakteur Andreas Unterberger. Einige regierungsnahe Intellektuelle bedienen sich dabei eines wahren antideutschen Hasses. Dieser war unter den ungarischen Rechtsextremen schon immer stark verbreitet, besonders in der Zwischenkriegszeit, aber auch nach dem Krieg. Dezső Szabó, ein sonst brillanter, aber antisemitischer Schriftsteller behauptete damals, dass man „sogar“ mit den Juden zusammenarbeiten solle, um das „schwäbische Element“ zu bekämpfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigten die nationalistischen Kreise großes Verständnis für die kommunistische Vertreibung von mehr als 250.000 Ungarndeutschen. Wenn man die jetzigen, antideutschen Sätze der rechtskonservativen, regime-treuen Historikerin Mária Schmidt (schöner, urmagyarischer Name!) oder des rechtsnationalistischen Journalisten und persönlichen Orbán-Freundes Zsolt Bayer (ebenso ein urmagyarischer Name!) liest, scheint die Zeit nicht weit hinter uns zu liegen, als rechte und linke Extremisten dieses „schwäbische Element“ für alles Übel der ungarischen Nation verantwortlich machten.

Die Orbán-Regierung arbeitet währenddessen bestens mit deutschen Firmen zusammen. Manche haben dadurch indirekt die Ausschaltung der demokratischen Öffentlichkeit in Ungarn begünstigt: Magyar Telekom, die Tochterfirma der Deutschen Telekom, verkaufte 2015 das meistgelesene Nachrichtenportal „origo.hu“ an einen regierungsnahen Oligarchen. Der hat aus der regierungskritischen Online-Zeitung ein brutales Propagandablatt gemacht, in dem oppositionelle Politiker als „Schwule“, oder „ausländische Agenten“ beschimpft werden. Und dass die Regierungspartei totale Kontrolle über den Privatsender „TV2“ gewinnen konnte, ist etwa der „Pro Sieben Sat.1-Gruppe“ zu verdanken, die den Sender 2013 an die damalige Geschäftsführung verkauft hat – und diese wiederum an Andy Vajna, einen regierungsnahen, ungarisch-amerikanischen Filmproduzenten. Der Sender ist seitdem auf treuer Regierungslinie.

Unterdessen laufen die Geschäfte zwischen Ungarn und Deutschland problemlos weiter. Die „Wirtschaftswoche“ berichtete kürzlich, die meisten deutschen Unternehmer seien äußerst zufrieden mit der Orbán-Regierung. Die Autofabriken von Audi und Mercedes wurden beispielsweise reichlich mit staatlichen Steuerbegünstigungen beschenkt. Wenn Viktor Orbán nicht in Budapest, sondern etwa in München eine Rede hält, bezeichnet er seine Heimat gerne einfach und unpathetisch als „Teil der süddeutschen Industrieregion“.

Die deutsche Presse verkörpert alles, was die Orbán-Regierung am „Westen“ verachtet

Der Hass auf die deutsche Presse ist dennoch groß. Sie verkörpert nämlich in den Augen vieler Fidesz-Politiker alles, was sie am Westen hassen: kritischer Geist, Antinationalismus, Europa-Freundlichkeit, Vergangenheitsbewältigung. Dass die deutsche Presse nicht nur aus linksliberalen Journalisten besteht, merken sie dabei nicht.

In einem Punkt aber haben sie Recht: Das Ungarn-Bild der deutschen Presse ist in der Tat verzerrt. Freilich nicht in dem Sinne, wie die Kritiker es meinen. Die deutschsprachigen Zeitungen beschreiben nämlich ein Ungarn, dessen aktuelle Veränderungen kaum nachzuvollziehen seien. Die Puszta-Romantik der habsburgischen Operette oder das „glücklichste Baracke“-Image im Kalten Krieg – das Bild von Ungarn als „Musterknabens der Demokratisierung nach 1989“ war grundfalsch.

Ungarn galt in den westlichen Medien, besonders in Deutschland, jahrelang als Musterschüler, der den Wechsel von einer sozialistischen Planwirtschaft hin zu einer liberal-demokratischen Marktwirtschaft gut und beispielhalt gemeistert habe. Die raschen Änderungen, die dann nach 2010 in Ungarn einsetzten, wurden dementsprechend als Betriebsunfall in der Musterfabrik wahrgenommen. Die Tendenzen, die zum Wahlerfolg von Viktor Orbán und zur Etablierung seines neuen Regimes – offiziell: zum „System der Nationalen Zusammenarbeit“ – führten, waren aber schon früher zu spüren. Oder besser gesagt: zu hören und zu lesen. Man hätte nur Ungarisch können müssen.

Der geplatze Traum von Westeuropa

Die Debatten um die „Judenfrage“ in den 1990er-Jahren, die Selbstauflösung des ungarischen Liberalismus im Schoß der postkommunistischen Nachfolgepartei, die unbedachten Privatisierungswellen, die Hunderttausende erst in die Arbeitslosigkeit, dann in die sozialen Transfersysteme schickten, die brutal geführten Lagerkämpfe zwischen den „Kommunisten“ und den „Faschisten“ – all das ebnete den Weg zu einem Regime, das den inzwischen eindeutig gescheiterten ungarischen Traum, einmal das westeuropäische Lebensniveau erreichen zu können, hinter nationalistischem Firlefanz kaschieren konnte.

Orbáns politische Genialität besteht darin, dass er nach 2010 aufhörte, Westeuropa als einzuholendes Beispiel darzustellen. Nach 20 Jahren Rumtorkeln war ihm ebenso klar, wie den meisten Ungarn, dass sich das große Versprechen von 1990, einmal sogar die beneideten Österreicher überholen zu können, als bodenlose Illusion entpuppt hatte. Orbán, der sich selber dieser Illusion als langjähriger Politiker in Ungarn gerne bedient hatte, verkauft diesmal das Scheitern als Erfolg: Er erzählt den daheimgebliebenen Ungarn, wie gefährlich, dekadent, unchristlich, angsterfüllt Westeuropa sei. Die Menschen in Deutschland, Belgien oder Schweden würden sich nicht einmal auf die Straßen trauen, weil der islamistische Terrorist an jeder Ecke auf sie warte – oder wenigstens ein pädophiler Achtundsechziger.

Schlechte Bezahlung, aber wenigstens kein Terror

So konstruiert das Orbán-Regime, das die direkte Kontrolle über die öffentlich-rechtlichen Medien und die indirekte Kontrolle über ca. dreiviertel aller anderen Medien ausübt, ein Bild über Westeuropa, das das wirtschaftliche und mentale Elend in Ungarn im besseren Licht erscheinen lässt. Wir verdienen zwar immer noch nicht so gut, wie die Österreicher, aber wir sind zumindest noch christlich – lautet die Parole vieler Fidesz-Wähler.

In den regierungsnahen Zeitungen bekunden fleißige Leserbrief-Schreiber ihre Bereitschaft, auf bessere Löhne zu verzichten, dafür aber ohne den tagtäglichen, islamistischen Terrorismus der westeuropäischen Städte leben zu wollen. Im „EchoTV“, einem Fernsehsender, der dem Fidesz-Oligarchen Lőrinc Mészáros gehört, läuft eine wöchentliche Sendung mit dem Titel „Tagtäglicher Terror“. Möchtegern-Experten erzählen dort Horror-Geschichten aus dem westeuropäischen Alltag. Da kann der Magyare vieles über den tobenden westeuropäischen Bürgerkrieg erfahren. Und auch wenn viele Menschen das Land längst verlassen haben, leben die meisten freilich immer noch zuhause – ohne Fremdsprachenkenntnisse, ohne ausgewogene Informationen, ohne regierungskritische Blätter, in der ständigen Angst vor der Islamisierung ihrer schäbigen Dörfer. In einem Land, wo der muslimische Anteil an der Bevölkerung nicht einmal 0.1 Prozent ausmacht.

Die Isolation der ungarischen Sprache ist bei diesem immensen Erfolg der Regierungspropaganda ein nicht zu unterschätzender Faktor. Norbert Mappes-Niedek, der Südosteuropa-Korrespondent der „Frankfurter Rundschau“ schrieb noch 2015, dass „Ungarn ein sehr abgeschlossenes Land [ist], fast autistisch, man spricht zum Beispiel kaum Fremdsprachen“. Er verglich das Land mit Kroatien, dass „viel offener“ sei. Auch wenn solche Töne übertrieben sind, angesichts der nicht weniger nationalistischen Tendenzen in Kroatien, hat er Recht, wenn er die sprachliche Lage Ungarns in den Vordergrund rückt. Viele Ungarn haben schon angesichts der eigenen Muttersprache das Gefühl, dass niemand anderes ihn richtig versteht. Die ungarische Historiographie und Erinnerungskultur verstärkt die Wahrnehmung vieler Ungarn, in der langen Geschichte ständig unterdrückt, ausgebeutet, besiegt worden zu sein.

Falsches Selbstmitleid

Jetzt, nachdem das Land seit 28 Jahren sein Schicksal selber in die Hand nehmen durfte, zeigt sich jedoch, wie falsch dieses Selbstmitleid ist. Jetzt kann man die Habsburger, die Schwaben, die Russen, die Juden, die Kommunisten nicht mehr für die desolaten Krankenhäuser, für die abgehängten Regionen, für die mehr als drei Millionen (von etwas mehr als 9,8 Millionen) bitterarmen Menschen, für die alles blockierende Korruption, für die Wiedereinführung autoritärer Elemente verantwortlich machen. Um den Opfer-Mythos dennoch aufrechterhalten zu können, braucht das Orbán-Regime immer wieder neue Feinde. Gestern war es der Ex-Grüne Daniel Cohn-Bendit, heute der Multimilliardär George Soros, der Ungarn eigenhändig unterdrücke und ausbeute und dabei vielleicht sogar ungarisches Blut trinke. Ein konstantes Hassobjekt aber ist geblieben: die deutschsprachige Presse. Ihr ist die ungarische Rechtskonservative seit den 1990er-Jahren treu geblieben.

Dennoch blättern alle Ungarn im Speisewagen nach Budapest im „Standard“ oder „Profil“. Die ungarischen Zeitungen, die auch zum Mitnehmen liegen, bleiben bis Budapest unberührt.

Péter Techet

Von

Péter Techet

Studierter Jurist, interessierter Historiker und engagierter Journalist mal in Budapest, mal in Frankfurt am Main, mal in Triest, mal in Rom; seit 2008 ist er für ungarische, slowakische oder österreichische Zeitungen als freier Autor meistens über außenpolitische Themen tätig, daneben forscht er über die Habsburgermonarchie, die er für die frühere Europäische Union hält.