Lost in Ludwigshafen

Nach zehn Jahren hat sich am alten ifp-Standort in Rheinland-Pfalz alles verändert. Wo einst das Privatfernsehen erfunden wurden, stehen nun Rollatoren.

Von Philipp Rudolf, Volontär 2014 

Als Carl Marciniak die Räume im Erdgeschoss erkundet, schaut er doch etwas wehmütig. Wo früher Kameras standen, sitzen nun Auszubildende. Wo Fernsehgeschichte geschrieben wurde, liegen Puppen in Krankenhausbetten.

Im Heinrich-Pesch-Haus in Ludwigshafen ging 1984 der erste private Fernesehsender an den Start, drei Jahre später bildete das ifp hier Fernsehjournalisten aus. Marciniak hat 1987 als Regie- und Kameramann angefangen, später wurde er stellvertretender Studioleiter. Ein wichtiger Ort also für das ifp und das deutsche Fernsehen. Zweimal wurde das Studio erweitert, bis 2008 das ganze Institut nach München umzog. Heute befindet sich in den früheren Räumen des ifp eine Pflegeschule der Caritas.

Rückkehr in das alte Studio

Für das ifp-Jubiläum ist Marciniak noch einmal dorthin zurückgekehrt, wo er sein halbes Berufsleben verbracht hat. Im großen Lehrsaal hat es zur Pause geläutet und wir gehen ins Herz des alten ifp-Standorts: das Studio. Die Decke in dem Raum ist heute viel niedriger, früher hingen hoch oben die Scheinwerfer. Auf 110 Quadratmeter übten die Journalisten, Nachrichten zu sprechen oder sich in Gesprächsrunden zu behaupten. Das war das Reich von Carl Marciniak, dort hat er die Teilnehmer auf die Welt vor der Kamera vorbereitet. Sein Wissen und seine ausgleichende Art half vielen, den Stresstest zu bestehen – so berichteten es ehemalige Schüler bei seiner Verabschiedung in den Ruhestand im Jahr 2008. Aber Marciniak hat recht, ein Bild sagt mehr als tausend Worte:

Wir gehen in den Schnittraum, in dem die Erste Private Fernsehgesellschaft (EPF), der Vorläufer von Sat.1, auf Sendung ging. Der Sender zog dann aber bald nach Mainz um, weil ein Feuer die gesamte Technik zerstört hatte – Ludwigshafen war also nicht lange Player in der deutschen Fernsehwelt. Heute steht ein Rollator in der Ecke, in der einst die erste private Fernsehsendung aufgezeichnet wurde. An Puppen lernen die Pflegeschüler, wie sie bei Bettlägerigen einen Dekubitus vermeiden.

Marciniak geht weiter durch das Foyer. Er stutzt über einen zugemauerten Durchgang, lacht über einen Aufkleber, den er selbst aufgeklebt hat. Er gerät ins Schwärmen, als er sein altes Büro betritt. In dem Eckzimmer befindet sich heute der Pausenraum mit einer Küchenzeile. An einem Esstisch erzählt er von seinem damaligen Arbeitsplatz. Und natürlich kommen ihm, dem Fernsehprofi, zuerst Bilder in den Sinn: Der Blick durchs Fenster auf die Wiese hat alles, was ein gutes Kamerabild braucht. „Die Kamera steht still ohne Schwenks, aber vor der Linse selbst bewegt sich viel“, erklärt er.

Reaktionsschnell zu RTL

Aber was gab es denn da draußen am Rande der Provinz zu sehen? Marciniak erinnert sich noch gut daran. Kleines Beispiel: Die Hasen, die vor dem weißen Zweckbau hoppelten.

Einmal krachten am Himmel plötzlich zwei Flugzeuge ineinander, als er am Schreibtisch saß. Was machte Marciniak? Kurze Pause. Als guter Katholik – der er ja ist – hat er sicher Erste Hilfe leisten wollen? Nein. Er holte die Kamera aus dem Schrank und verkaufte später das Exklusivmaterial an RTL – die Polizei war selbstverständlich schon da.

Er grinst, wenn er solche Anekdoten erzählt. Denn auch im ifp war er immer auf der Jagd nach guten Bildern, schließlich drehte er für das ZDF und den SWR als nebenberuflicher Kameramann und Regisseur hunderte von Beiträgen. So waren ifp-ler auch als einziges Kamerateam beim 60. Geburtstag von Helmut Kohl dabei und konnten ein Exklusivinterview mit dem Bundeskanzler führen.

Ganz Ludwigshafen nach guten Locations abgegrast

Heute würden hier auf den zwei Etagen im Heinrich-Pesch-Haus wohl eher Youtuber ausgebildet. Damals, nach dem erfolgreichen Start des Privatfernsehens, suchten die Sender nach guten TV-Journalisten. Fernsehen war ein aufregendes Medium, das durch die private Konkurrenz einen neuen Schub bekam.

Gedreht hat Marciniak mit seinen Schülern überall. Im Laufe der Jahre haben sie alle guten Locations in Ludwigshafen mindestens zweimal mit dem weißen VW-Bus und der Ausrüstung, die mehrere Zehntausend Euro gekostet hat, besucht. An den Stehtischen in der Kaffee-Ecke besprachen die Teilnehmer ein letztes Mal ihre Reportagen, bevor sie zum Dreh fuhren.

Der etwas abseitige Standort in Ludwigshafen mit viel Grün drumherum sei letztlich ein Vorteil gewesen. „Hier gab es weniger Ablenkungen, wir haben oft bis spät in die Nacht geschnitten. Die meisten Teilnehmer konnten zwar gut schreiben, hatten aber keine Fernseh-Erfahrung.Trotzdem waren fast alle Beiträge sendefähig“, sagt Marciniak stolz.

Ein ganzer Schaltraum passt heute in ein Telefon

Am Ende seines Besuchs im ehemaligen Studio drängt sich eine Frage auf: Was denkt Marciniak, der sein Handwerk beherrscht, über die Masse an Filmschnipsel, die jeder mit einem Smartphone ins Netz stellen kann? Sind die Veränderungen im Heinrich-Pesch-Haus nicht sinnbildlich für das Fernsehen, wie es damals gemacht wurde? Sind große Teams mit schwerer Ausrüstung überflüssig? „Nein“, sagt Marciniak. „Gute Bilder sind aufwendig, es braucht nach wie vor gute Technik und viele Menschen, um sie einzufangen.“

Er sagt das aus voller Überzeugung, ruhig und ohne große Emotionen. Um vergangenen Zeiten nachzutrauern, hat er ohnehin keine Zeit. Er hat viele Projekte am Laufen und gibt noch Lehrgänge. Und einmal am Tag wird er ohnehin an das ifp erinnert. Aber nicht durch verblasste Bilder und alte Orte, sondern live vor dem Fernseher: Wenn er in der ARD oder dem ZDF die Journalisten sieht, die er einst ausgebildet hat. Dann ist er der „glücklichste Fernsehzuschauer Deutschlands“, sagt er und lächelt zufrieden in das iPhone.

Philipp Rudolf

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Philipp Rudolf

Hat in Heidelberg Germanistik und Geschichte studiert. Nach seinem Volontariat beim ifp ging er zum Staatsanzeiger für Baden-Württemberg nach Stuttgart, wo er über die Kommunalpolitik im Ländle berichtet.