Lieber Kritiker als Kader

23 Jahre lang stand Pater Wolfgang Seibel an der Spitze des ifp. Er hat das katholische Institut aufgebaut. Dass einige seiner Schüler später trotzdem Kritik an der Kirche übten, hat dem 89-Jährigen nie etwas ausgemacht.

Von Florian Hörlein (Stipendiat 2017)

Verschwendung von Steuergeldern, Missbrauchsskandale, Diskussionen um den Umgang mit Geschiedenen, den Zölibat oder Sexualität im Allgemeinen: Wenn Journalisten in Deutschland Kritik an der katholischen Kirche üben, stehen regelmäßig auch ifp-Absolventen in Autorenzeile oder Bauchbinde. Immer wieder hätten Bischöfe angemerkt, dass sie durch das ifp ihre eigenen Kritiker finanzierten, erzählt Jesuitenpater Wolfgang Seibel. Er sieht sich durch so eine Rückmeldung bestätigt: „Das ist richtig und gut, denn das ifp hat nicht zum Ziel, nur die katholischen, sondern alle Medienhäuser zu bereichern.“

Seibel muss es wissen, denn er hat die katholische Journalistenschule als Direktor im Jahr 1968 mitgegründet. „Das war die Zeit nach dem zweiten Vatikanum, in dem die Kirche ihre neue gesellschaftliche Aufgabe definiert hat“, so Seibel. „Sie wollte nun die Gesellschaft mitgestalten. Und dafür spielen die Medien eine wichtige Rolle.“ Für Seibel sollte das damalige wie heutige Ziel der Bischofskonferenz sein: freie und kritische Journalisten ausbilden. Üben die dann Kritik an der Kirche, beweise das lediglich, dass das ifp genau dieser Aufgabe nachkomme, so Seibel.

„Sie sollen gute, wenn möglich herausragende Journalisten werden. Wenn sie dann noch überzeugte Christen sind, hat das Institut seine Ziele voll erreicht.“
Pater Wolfgang Seibel SJ über junge Journalisten im ifp

Die Werke seiner ehemaligen Schüler kann er nicht mehr lesen

Der 89 Jahre alte Pater ist heute im Ruhestand. Er wohnt in der Landeszentrale der deutschen Jesuiten in München, „Berchmanskolleg“ steht auf dem bronzenen Schild neben der historischen großen Eingangstür. Im ersten Stock liegt Seibels Refugium. Ein Zimmer, Schreibtisch, Waschbecken, Esstisch, Bett – spartanisch, in der jesuitischen Tradition, die man auch Papst Franziskus regelmäßig anmerkt.

Seibel sitzt im Raum. Ein älterer Herr, Glatze, rasiert, mittlere Statur. Sein Blick ist ruhig, seine Gestik pointiert, aber nicht ausladend. Wenn Seibel spricht, dann tut er das mit ruhiger und fester Stimme, die Worte sind überlegt, die Mimik sachlich, aber freundlich. Für herzliche, aber klare Worte wurde er auch am ifp immer geschätzt.

„Das, was mich am meisten beeinträchtigt, sind meine Augen“, sagt er. „Die wollen nicht mehr so richtig.“ Zumindest mit den schriftlichen Werken seiner ehemaligen Schüler tut er sich deshalb inzwischen schwer. „Zeitungen kann ich nicht mehr verstehen, das schneidet einen ziemlich von der Außenwelt ab“, sagt Seibel. Die Kontakte in den deutschen Journalismus sind weniger geworden in den vergangenen Jahren. In seinem Leben hatte er zahlreiche angesammelt.

1928 in Hauenstein geboren, stand der Jesuit von 1968 an insgesamt 23 Jahre an der Spitze des ifp. Davor war er Berichterstatter des Zweiten Vatikanischen Konzils in Rom und erlebte den großen Wandel in der Kirche hautnah mit. Davor, währenddessen und danach wirkte er als Chefredakteur der Jesuiten-Zeitschrift „Stimmen der Zeit“. „Ich bin ein Theologe, der auch Journalist ist“, sagt Seibel. „Der Theologe zeigt sich vor allem da, wo meine kirchliche Expertise gebraucht wird.“

Seibels journalistische Expertise war dringend nötig

Seine journalistische Expertise hingegen war vor allem in den Anfangsjahren des ifp dringend nötig. Daher musste alles schnell gehen. 1968 bekam er nicht nur den Auftrag von der Deutsche Bischofskonferenz das Institut zu gründen, sondern auch gleich aufzubauen. Seibel willigte ein. „Da musste ich erstmal einen Studienleiter finden und das Konzept ausarbeiten“, erinnert sich der 89-Jährige. Spannende Neuerung: Anders als alle anderen Journalistenschulen, sollte das ifp vor allem studienbegleitend aktiv werden. Zum damaligen Zeitpunkt ein Novum.

Bei der Planung für die katholische Journalistenschule hätten die Verantwortlichen festgestellt, dass ein Studium immer häufiger Voraussetzung für den Beruf sei, erzählt Seibel. „Dem wollte man entgegenkommen.“ Also suchte er Referenten, präzisierte das Konzept der Bischofskonferenz, begann mit dem Aufbau der Schule.

1970 begannen die ersten Schüler des Instituts, das Seibel die nächsten 23 Jahre begleiten sollte. „Ich habe mich beim ifp eigentlich immer wohlgefühlt“, sagt Seibel heute über seine lange Amtszeit. Keine größeren Enttäuschungen? „Ein Tiefpunkt war vielleicht, dass von den ersten Jahrgängen wenige wirklich in den Journalismus gegangen sind. Obwohl das immer unser erklärtes Ziel war“, sagt Seibel. Aber das habe sich in den darauffolgenden Jahren geändert. Ein Blick in das umfangreiche Adressbuch des ifp verrät: Der Eindruck stimmt. Neben Hörfunkdirektoren, Abteilungsleitern oder Freien Journalisten finden sich unter den Absolventen der 1970er-Jahre deutlich mehr Ärzte, Lehrer oder Professoren als unter Absolventen der jüngeren Vergangenheit.

Seibel freut sich über diese Entwicklung. „Insgesamt habe ich das Gefühl, mit dem ifp all das erreicht zu haben, was ich erreichen konnte. Vor allem natürlich eine qualifizierte Ausbildung für Journalisten. Und damit bin ich zufrieden“, so Seibel. Trotzdem hat er 1991 den Posten abgegeben. „Damals war die Stelle des Direktors noch nebenamtlich ausgeschrieben“, erzählt Seibel. Und da er parallel noch Chefredakteur bei den „Stimmen der Zeit“ war, konnte er nicht die Zeit in das Institut stecken, die es seiner Ansicht nach gebraucht hätte. Das habe er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren können, sagt Seibel. „Das war auch ein Grund, warum ich aufgehört habe.“

Christliche Kaderjournalisten wollte Seibel nie

Wenn man Pater Wolfgang Seibel heute fragt, welchen Tipp er seinen Nachfolgern geben würde, dann antwortet er: „Wer viel fragt, bekommt viel Antwort.“ So sei er in seinen 23 Jahren auch immer mit der Deutschen Bischofskonferenz umgegangen. Die Beziehung sei zu seiner Zeit stets gut gewesen, betont er. Konkrete Einflussnahme auf die journalistischen Produkte habe er persönlich nie erlebt. „Eher war das anders herum: Unser jeweils zuständiger Bischof hat uns vor der Konferenz verteidigt.“

Diese Verteidigung sei wichtig gewesen und es immer noch, sagt Seibel. Denn es gehe nicht darum, christliche Kaderjournalisten zu schaffen. Vielmehr soll das Institut seiner Ansicht nach eine Gemeinschaft sein, in der ein christlicher Journalist Arbeiten und Wirken kann. „Der christliche Glaube kann Journalisten gewisse Ethiken und Normen geben, die er bei seiner gesellschaftlich wichtigen Arbeit berücksichtigen sollte“, so Seibel. „Aber ein guter Journalist ist ein guter Journalist, ob er nun christlich ist oder nicht.“

Pater Seibel im Audio-Interview

Seine Haltung zu kritischem Journalismus am Institut und von ifp-Absolventen hat Seibel auch schon in der Vergangenheit deutlich gemacht. 2009 sprach er mit dem damaligen Stipendiaten Johannes Reichart – heute Reporter und Videojournalist beim BR – über das Thema. Das Interview entstand beim Hörfunkkurs des Jahrgangs 2008. Hören Sie selbst:

Pater Seibel in einer „Zeit“-Reportage

Die ifp-Ausbildung in der Zeit von Gründungsdirektor Wolfgang Seibel und die Ausrichtung des Instituts war 1980 auch Thema einer Geschichte der „Zeit“.

Florian Hörlein

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Florian Hörlein

Wenn Florian Hörlein von seinem Bildschirm aufblickt, erhascht er Einblick in die Weiten einer wundervollen Altstadt. Denn er studiert in Bamberg, der Kleinstadt mit Bauten aus dem 11. Jahrhundert, Politikwissenschaft und im Nebenfach Geschichte. Nebenbei bildet er sich beim ifp in der Stipendiatenausbildung fort und versucht sich als freier Journalist und Fotograf. Ist auch bei Twitter: @flohoerlein. Foto: Ludwig Hagelstein