Im Ausnahmezustand

Als „Gruner + Jahr“ 2013 seine Redaktion dichtmachen will, wusste Nikolaus Förster nicht, wie es weitergehen sollte. Die Lösung des Problems kostet ihn eine Menge Geld – und noch mehr Nerven.

Von Christoph Matiss (Hörfunk-Volontär 2014)

Der Innenhof mit dem schicken Backsteinhaus direkt gegenüber dem S-Bahnhof Hamburg-Hammerbrook sieht aus wie das Domizil vieler erfolgreicher Start-ups in Deutschland. Auch der helle, gefühlt 80 Meter lange Flur in der 2. Etage mit den Glastüren und seiner modernen, indirekten Beleuchtung versprüht das Flair der „jungen Kreativen“ wie bei Zalando, Lieferheld oder Trivago. Kein Wunder: Früher hatte Google hier seine Büros.

Jetzt aber werden hier keine Suchmaschinen mehr programmiert. Nein, hier entsteht eine seit fast 40 Jahren bestehende Zeitschrift. Es sind die Verlagsräume des Wirtschaftsmagazins „Impulse“.

An diesem langen Flur liegt auch das Büro des Mannes, wegen dem es das Blatt überhaupt noch gibt. Nikolaus Förster hat es dem Verlagsriesen „Gruner + Jahr“ 2013 abgekauft. Er sah darin die einzige Möglichkeit, seinen Job und den einiger Kollegen zu retten. Denn der Verlag hatte, die Wirtschaftsmediengruppe mit mehr als 300 Journalisten – mit der Financial Times Deutschland, Capital, Impulse, Börse Online und Business Punk – infrage gestellt. Für die Financial Times Deutschland und Börse Online ging es letztlich nicht weiter.

Zwei Monate Ausnahmezustand

Förster ist den mutigen und noch immer selten begangenen Weg vom Journalisten zum Unternehmer gegangen. Wer diesen Schritt mit allen Hürden und persönlichen Gedanken nachvollziehen will, wirft am besten einen Blick auf den Blog des 49-Jährigen. Seit Anfang 2013 hat Nikolaus Förster in über 300 Einträgen von der Zeit berichtet, in der er seine Unterschrift unter den Kaufvertrag setzte.

Bis der Kauf in trockenen Tüchern war und er das Magazin weiterführen konnte, befand sich der damalige Chefredakteur etwa zwei Monate lang in einem psychischen und körperlichen Ausnahmezustand. Er schrieb mit einer geheimen, vierköpfigen Arbeitsgruppe in nur drei Wochen einen Businessplan, besichtigte mögliche Redaktionsräume, führte quälende Verhandlungen mit Banken, Investoren und dem Verlag und kümmerte sich quasi nebenbei um die aktuelle Ausgabe. Sogar seine Frau riet ihm von seinem riskanten Plan ab. Aber einen Plan B hatte er nicht.

„Es dauerte eigentlich nur ein paar Tage, bis mir klar war: Ich muss es selbst probieren. Wenn ich nicht selbst versuche, ‚Impulse‘ zu übernehmen und zu retten, werde ich mir ein Leben lang diesen Vorwurf machen. Dann ging es los, monatelange Verhandlungen. Im Januar 2013 war es dann soweit: Es ist mir tatsächlich gelungen, den Titel zu übernehmen. Und in dem Moment war ich nicht mehr Chefredakteur, der über Unternehmer schrieb, sondern selbst ein Unternehmer.“

Nikolaus Förster

Der gebürtige Aachener hätte dieses große persönliche Risiko wohl kaum für ein Magazin auf sich genommen, mit dem er sich nicht voll identifizieren kann. „Gruner + Jahr“ sah sich 2009 gezwungen, seine Wirtschaftsmedien zu einer riesigen Gemeinschaftsredaktion mit über 300 Journalisten in Hamburg zusammenzulegen. Bis zu diesem Zeitpunkt war Förster Ressortleiter bei der „Financial Times Deutschland“ gewesen.

Von den DAX-CEOs zum Mittelstand

Danach war er mit zwei weiteren Chefredakteuren für die Vernetzung der neuen Riesenredaktion und für „Impulse“ verantwortlich. Ein „Aha-Erlebnis“ sei das für ihn gewesen, sagt er heute. Von einer „Glamourwelt“ in die „richtige Wirtschaft“ sei er plötzlich gekommen. Er habe nun Gespräche mit viel interessanteren Menschen geführt, mit „viel mehr Emotionalität, viel mehr Herzblut“.

Oder anders ausgedrückt: Nikolaus Förster stellte fest, dass der Mittelstand, der im Zentrum von „Impulse“ steht, ihm viel näher war, als die in seinen Augen abgehobene Konzernwelt, über die die „Financial Times“ hauptsächlich berichtete.

Mit neuem Geschäftsmodell gegen das Zeitungssterben

Ein Buy-out bedeutet aber in der Regel auch, dass der Käufer ein Unternehmen erwirbt, dem es nicht allzu gut geht. Verluste waren laut Förster bei „Impulse“ zwar die Ausnahme, allerdings gelang es dem B2B-Magazin nicht mehr, wie erhofft, neue Leser zu gewinnen.

Um als junger, mittelständischer Verlag überleben zu können, führte Nikolaus Förster gleich zu Beginn eine neue Strategie zur Finanzierung seiner Firma ein. Zwar liefert der Verkauf der etwa 73.000 „Impulse“-Hefte noch immer den Hauptteil der Einnahmen, darüber hinaus sorgen Seminare, Workshops, Reisen und hochwertige, selbst verlegte Bücher für zusätzliches Geld – und für die entscheidenden Netzwerk-Effekte, die für eine Mittelstands-Zeitschrift unabdingbar sind. „Netzwerk der Macher“ nennt der Verlag das.

„‚Impulse‘ war mal ein Titel, der versucht hat, sehr viel mehr abzudecken. Wir haben das klar fokussiert. Und ich glaube, das ist das Rezept. Man kann nur, wenn man spitz ist und sehr klar etwas zu bieten hat, was andere nicht bieten können, von Menschen Geld verlangen und sich auf diesem Weg auch nachhaltig finanzieren.“

Nikolaus Förster

Förster ist überzeugt, dass Printmedien nur mit herausragenden Inhalten und einem echten Mehrwert für die Leser eine langfristige Zukunft haben. Aboprämien, wie sie selbst bei vielen renommierten Titeln inzwischen Standard sind, lehnt er ab. Wenn Qualität vorhanden sei, spiele auch der Heftpreis keine große Rolle mehr: „Wir könnten den Preis verzehnfachen, wenn der Nutzen ebenso hoch ist“, sagt Förster.

In fünf Jahren von 7,50 Euro auf 19,90 Euro

Der Chef ist so überzeugt von seinem Weg, dass er „Impulse“ seit 2013 mehrfach verteuert hat: von ursprünglich 7,50 Euro auf inzwischen 19,90 Euro. Bei der Ende 2017 gestarteten Kampagne „impulse zahlt sich aus“ rechnen verschiedene Unternehmer auf bunten Karten vor, wie viel Geld sie dank der Tipps im Heft gespart haben – zum Teil sechsstellige Beträge. Damit will Nikolaus Förster auf den tatsächlichen finanziellen Mehrwert für seine Leser hinweisen.

Die Tatsache, dass das „Impulse“-Magazin selbst ein mittelständisches Unternehmen ist, schaffe Glaubwürdigkeit beim Zielpublikum und öffne manche Tür, die großen Titeln wohl verschlossen bleiben würde. „Ich weiß, was Liquidität ist“, sagt Förster nicht ohne Stolz.

Wohl in kaum einem anderen Wirtschaftsmedium sind die publizierten Inhalte so nah an der Lebensrealität der Redakteure wie hier. Unternehmerisches Denken sollte bei mehr Journalisten zur Arbeit dazugehören, findet Förster:

Bei so vielen Ideen und permanentem Netzwerken verwundert es kaum, dass das Unternehmertum Nikolaus Förster praktisch komplett einnimmt. Viel Zeit für seine Familie ist in den vergangenen Jahren nicht geblieben. Gut, dass Ehefrau Marion von Berufs wegen Verständnis für ihren Mann aufbringt.

Viel gelernt beim ifp

Auch sie hat als Journalistin und Moderatorin gearbeitet, unter anderem für den NDR. Das Paar verbindet eine gemeinsame ifp-Vergangenheit. Sie lernten sich 1989 kennen und kamen 1992 gemeinsam als Stipendiaten ans Institut. Offenbar wollte es das Schicksal so: Nachdem sich Nikolaus 1991 erfolglos beworben hatte, klappte es ein Jahr später bei seinem zweiten Versuch – genau in dem Jahr, als Marion auch den Sprung ans ifp schaffte. Inzwischen leitet sie die Unternehmenskommunikation und strategische Entwicklung am Evangelischen Krankenhaus Alsterdorf in Hamburg.

An seiner ifp-Ausbildung schätzt der Verleger die hohe inhaltliche Qualität und vor allem den Zusammenhalt innerhalb des Instituts. Es sei immer auch um Fragen gegangen, die über das journalistische Handwerk hinausblicken, erzählt Förster.

Genau diese Fragen spielen für ihn heute eine besondere Rolle. Er ist überzeugt von seinen Mitarbeitern und setzt auf Qualität statt „gekauften Journalismus“. Dass er mit dieser Philosophie nicht ganz falsch zu liegen scheint, deuten die Zahlen des Geschäftsjahres 2017 an: Die „Impulse Medien GmbH“ weist nach fünf Jahren erstmals einen kleinen Gewinn aus.

Christoph Matiss

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Christoph Matiss

Hat selbst ein paar Jahre in der Wirtschaft gearbeitet, bis ihn chinesische Echtleder-Sofas für 999 Euro an seine journalistische Bestimmung erinnert haben. Firmengeschichten und kluges Unternehmertum faszinieren ihn aber noch immer. Gern würde er deshalb mal einen Tag an der Seite des Sony-, Edeka- oder Spotify-Chefs verbringen.