„Ich wollte dahin, wo es knistert“

Papst Benedikt XVI. half Gesa Mayr bei der Entscheidung für den Online-Journalismus. Ab März soll sie als Chefredakteurin „Watson Deutschland“ mit aufbauen. Ein Gespräch über verschossene Elfmeter, Sexismus und eine lehrreiche Reise zum Oktoberfest.

Von Sabine Winkler (Hörfunk-Volontärin 2014)

Sabine Winkler: Hallo Gesa, lass uns mit folgendem Szenario starten: Es ist 2012 und Dein erster Tag im Volontariat beim „Kölner Stadt-Anzeiger“ (KStA). Du wartest im Konferenzraum und dann treten Chefredakteur Peter Pauls und sein Vize Lutz Feierabend in den Raum. Wie schaffst Du es, Dich von der Aura der beiden nicht einschüchtern zu lassen und Deine Themen zu vertreten?

Gesa Mayr: Okay, in einer idealen Welt: Ich bin gut vorbereitet, atme tief durch und schaue dabei möglichst so selbstbewusst in die Runde, dass keiner merkt, dass ich ein bisschen zittere. Dann versuche ich, meine Themen bestimmt vorzuschlagen. Ich bin darauf vorbereitet, dass es Nachfragen gibt und versuche dann mit meinen Argumenten den Herren zu erklären, warum wir meine Themen machen sollten und das so kein anderer hat.

Und wie war Dein erster Tag wirklich?

Das komplette Gegenteil. Ich war in einer jungen Redaktion, der iPad-Redaktion, und mir wurde aufgetragen, einen guten Einstand zu geben. Also habe ich zwei Flaschen Weißwein und selbstgebackene Quiches mitgebracht. Am Anfang ist man ja noch ein bisschen demütig.

Zurück zur Redaktionskonferenz: Das einzige, was die anderen einem sagen können ist „Nein“. Und dann kommt man eben am nächsten Tag wieder und schlägt ein neues Thema vor. Das gehört ja auch dazu, sich nicht abwimmeln lassen. Das Beste, was einem passieren kann, ist, sie sagen irgendwann: „Ja, mach mal.“ Ich glaube, ich konnte nirgendwo so viel einfach mal ausprobieren wie beim KStA. Und ein bisschen Nervosität finde ich eigentlich immer ganz gut. Dann gibt man sich mehr Mühe.

„Die beste Rache ist immer eine gute Geschichte“

Man gewinnt von Dir den Eindruck einer sehr zielstrebigen Person. Wenn ich an meine eigenen Redaktionskonferenzen denke, dann erlebe ich oft dominante Männer, und Frauen, die weniger zum Zuge kommen. Wie ist es bei Dir? Würdest Du sagen, es gibt Unterschiede zwischen Männern und Frauen, wenn es um die Themenvergabe geht?

Ich kann das gar nicht so allgemein sagen. Da spielen viele Dinge eine Rolle, vor allem gibt es nach meiner Erfahrung aber nicht die Männer oder die Frauen. Ich kenne sehr unterschiedlich selbstbewusste Leute. Manche sind kritikfähiger als andere und manche formulieren eben auch anders.

Ich habe auch schon mal zu hören bekommen: „Die Online-Göre hat wieder eine Idee.“ Früher habe ich mich schrecklich über solche Dinge geärgert, und mich dann noch mehr angestrengt. Die beste Rache ist aber immer eine gute Geschichte. Oder ein gutes Online-Projekt. Wenn mich heute etwas wirklich stört, versuche ich das direkt anzusprechen, damit die Dinge nicht größer werden als sie sind.

Dein Lebenslauf liest sich sehr beeindruckend: Volontariat beim „Kölner Stadt-Anzeiger“ mit Stationen in Washington und bei „Spiegel Online“ (SpOn), danach Redakteurin bei SpOn, stellvertretende Redaktionsleiterin bei „bento“, bald Chefredakteurin bei „Watson Deutschland“. Weißt Du überhaupt, wie sich Rückschläge anfühlen?

Das sieht auf dem Papier immer so aus, als wäre das alles so glatt gelaufen, ist es aber überhaupt nicht. Ich habe auch so meine Elfmeter verschossen und mehr als einmal habe ich gedacht: Shit, das schaffe ich nicht.

Ich habe fast zwei Jahre warten müssen, bevor ich ein Volo bekommen habe und klar bin ich auch viel kritisiert worden. „Das ist langweilig, das will keiner lesen.“ Harte Worte, zu meiner ersten Seite 3 damals. Ich hatte bei einer Reportage über das Münchner Oktoberfest mal fast einen Herzinfarkt, als nach zehn Stunden Fahrt im Disko-Zug der Deutschen Bahn meine Protagonisten in kein Zelt reingekommen sind. Ich dachte, das wäre das Ende der Welt. Mein Mentor hat damals gesagt: „Nein, das ist die Geschichte.“

Ich hatte das Glück, dass es immer Kollegen und Kolleginnen gab, die mir geholfen haben. Die auch noch zum dritten Mal meine Bewerbung oder Rezension gelesen haben. Die zugehört haben, wenn ich mal frustriert war, die, wenn es nötig war, aber auch gesagt haben: Stell dich nicht so an. Von denen habe ich immer Feedback eingefordert, manchmal bin ich bestimmt unerträglich gewesen. Aber ehrliches Feedback ist extrem viel wert.

Drei Tipps für eine erfolgreiche Karriere

„Die besten Geschichten liegen im Lokalen“

Ist der Lokaljournalismus eine erste gute Adresse für Dich gewesen?

Der Lokaljournalismus ist für mich auch eine zweite gute Adresse. Er wird immer belächelt, zu Unrecht. Die besten Geschichten liegen im Lokalen. Wenn ich sehe, dass manche Lokalredaktionen jetzt komplett zusammengelegt werden, wie bei DuMont… Im Lokaljournalismus habe ich vieles von dem gelernt, was ich heute kann.

Wieso dann Online-Medien? Weil Du damit aufgewachsen bist?

Als der Papst zurückgetreten ist, habe ich gerade meine Volo-Station bei Spiegel Online“ gemacht. Nach der Eilmeldung hat sich eine unglaubliche Maschinerie in Gang gesetzt. Die Luft hat vor Energie geknistert. Wir haben bestimmt 27 Artikel dazu auf der Seite gehabt, jeweils mit einem anderen Dreh. Es war ein irrer, aber auch guter Tag.

Bevor ich dann fest zu „Spiegel Online“ gegangen bin, haben Leute gesagt: „Frau Mayr, das ist doch nur Brötchen schmieren. Wollen sie das wirklich machen?“ Damals haben sich alle an Print gekrallt, obwohl online so viel passierte. Dabei war die Zeitungskrise aktuell und eine Festanstellung hat man mir nicht bieten können. Ich habe an den Papst gedacht und bin gegangen.

Dabei war für mich eigentlich nie die Frage, ob Online oder Print, sondern ich wollte dahin, wo es knistert.

„Ein dickes Fell hilft“

Gerade die Online-Welt gilt als Ort, an dem Trolle und Frauenhasser sämtliche Skrupel fallen lassen können. Musstest Du Dir schon häufig sexistische Kommentare anhören? Wenn ja, wie gehst Du damit um?

Klar kenne ich die Kommentare, man sei verbittert oder untervögelt, oder beides, weil man seine Meinung geäußert hat. Was hilft: ein dickes Fell, sich abgrenzen und mit anderen darüber reden. Und manchmal auch: Die Kritiker öffentlich ansprechen, meistens entlarven sie sich im Verlauf der Diskussion selbst. Was noch mehr helfen würde: Wenn endlich mehr Frauen zurückkommentieren und sich zu Wort melden würden.

Was ich an der ganzen Debatte über Trolle und Hass-Kommentare schade finde, ist aber, dass man so gar nicht mehr über die konstruktive Kritik spricht, die es in Online-Kommentaren ja auch gibt. Und die hilft einem unterm Strich mehr, als die Idioten einem schaden.

Von „Spiegel Online“ aus hast Du geholfen, mit bento.de eines der deutschlandweit meist beachteten Online-Medien aufzubauen. Ehre oder Bürde?

Absolute Ehre! Ich finde es toll, dass es den Mut gibt, Dinge neu zu machen. Und man sich die Frage stellt, wie man junge Menschen erreichen kann. Dass man jeden Tag neu entscheiden kann: Das sind die Dinge, die uns wichtig sind. Dass in den Morgenkonferenzen gefragt wird: „Was hat dich heute beschäftigt? Was müssen wir noch mal erklären?“

„bento“ geriet relativ schnell in die Kritik. Der Vorwurf: Oberflächlicher Journalismus und sinnlose Listicles, die überwiegend auf große Reichweite und weniger auf gut recherchierte Inhalte setzen. Auch das Native Advertising wird häufig kritisiert. Wie stehst Du dazu?

Worüber „bento“ berichtet: Wie es sich für eine Frau anfühlt, wenn sie abtreibt. Wie ein islamistischer Gefährder in Deutschland lebt. Wie es ist, mit lesbischen Müttern aufzuwachsen. Und „bento“ erklärt politische Themen, die die Zielgruppe interessieren und erreichen. Wenn das oberflächlicher Journalismus ist, dann finde ich oberflächlichen Journalismus gar nicht so schlimm. Und oft auch lustig. Ich kann übrigens nicht so schnell laufen wie ein Schwein.

Ich bin stolz darauf, wie viele Menschen „bento“ erreicht hat, und jeder, der ein bisschen verfolgt, was die Redaktion leistet, wird schnell feststellen, dass da sehr viel Journalismus drinsteckt.

Zum Thema Native Advertising kann ich nur sagen: Ich habe bei „bento“ nie erlebt, dass redaktionelle Inhalte und Werbung vermischt wurden. Natürlich müssen sich Onlinemedien finanzieren, im Journalismus geht das bis heute oft durch Werbung – Kritik daran finde ich ein bisschen scheinheilig.

„Ich bin jung genug, um mich noch von einer Vollkatastrophe zu erholen“

Jetzt geht es weiter zu „Watson Deutschland“. Was hat Dich zu diesem Schritt bewogen?

Ich bin 31. Alt genug, um zu wissen, was ich tue. Jung genug, um mich noch von einer Vollkatastrophe zu erholen.

Im Ernst: Bei bento und bei Spiegel Online habe ich viel gelernt und viel gemacht. Aber Watson ist eine ganz andere Aufgabe. Hier kann ich alles umsetzen, was ich an meinem Beruf liebe: News, Stories, Debatten. Und etwas komplett Neues aufbauen, nochmal ausprobieren, alles hinterfragen, auch mal provozieren, ohne dabei an ein klassisches Verlagshaus angebunden zu sein.

Auf was dürfen wir uns dort freuen?

Auf zwei Chefredakteurinnen, die am Kickertisch genauso ungeschlagen sind wie in der Redaktionskonferenz. Auf ein Team, das klug, witzig, schnell, wahnsinnig talentiert ist und Erfahrungen aus ganz unterschiedlichen Medien mitbringen wird. Darauf, dass es knistert. Und auch mal knallt.

Sabine Winkler

Von

Sabine Winkler

Hörfunk-Volontärin 2014. Hat Theologie und Medienwissenschaften im Doppelstudium studiert. Audio-visuelle Medien sind ihr Handwerkszeug und ihre Themen tiefsinnig, nachdenklich und unterhaltsam. 2016 hat sie den Fernseh-Medienpreis der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg im Bereich Auszubildende gewonnen. Seit dem Volo ist sie als Freie Journalistin vor allem für den „Südwestrundfunk” und den „Deutschlandfunk” unterwegs und entwickelt kirchliche Formate bei „FUNK” für die Katholische Rundfunkarbeit am SWR.