Fachfrau für Stille

Schwester Fabienne Bucher hat beim ifp gelernt, wie man sich als Theologin in der Öffentlichkeit präsentiert und wie man gute Medienarbeit macht. Dann hat sie einen anderen Weg eingeschlagen: Sie ist jetzt Eremitin.

Von Anna Stommel (Stipendiatin 2010)

Schwester Fabienne Bucher hat in einem kleinen Appenzellerhäuschen nahe St. Gallen in der Schweiz gefunden, wonach sie fast ein ganzes Leben lang suchte: das stille Dasein vor Gott. Dass sie sich vor knapp 25 Jahren als Teilnehmerin im Theologenkurs des ifp für die Arbeit mit Medien, für die Kommunikation über Radio und Fernsehen ausbilden ließ, wirkt da fast wie ein Irrtum, wie ein unnötiger Schlenker im Lebenslauf.

Die Schwester sieht das anders. „In der Stille ist die Kommunikation besonders wichtig. Im Gespräch mit Gott und zu jeder guten Kommunikation gehört zunächst das Hören“, sagt sie. Schwester Fabienne muss es wissen: Als Diözesan-Eremitin ist sie quasi Fachfrau für Stille. Im März 2017 erhielt sie von ihrem Bischof Markus Büchel im Chorraum der Kathedrale von St. Gallen die Weihe. Dort versprach Schwester Fabienne, den eremitischen Weg für immer zu gehen.

„Wow, ich bin da“

Knapp ein Jahr später sitzt Schwester Fabienne in der Küche ihrer Einsiedelei und blättert durch das Fotoalbum mit den Bildern von der Weihe, die Finger wandern vorsichtig über die Seiten. Und während die 64-Jährige erzählt, wird klar: Die Sehnsucht nach dem Leben als Eremitin begleitet sie schon seit der Kindheit. 2008 schließlich entschloss sie sich, dieser Sehnsucht Raum zu geben und einen Versuch zu wagen.

„Ich wollte herausfinden, was die Stille mit mir macht“, erzählt Schwester Fabienne. So zog sie in ihrem Bildungsurlaub für 40 Tage in die Einsamkeit. Sie wählte ein Blockhaus in einem Wald im Flüeli-Ranft, jenem schweizerischen Dorf, in dem im 15. Jahrhundert der Schweizer Nationalheilige Bruder Klaus als Einsiedler lebte und wirkte. Was sie dort erlebte, fasst Schwester Fabienne mit den Worten „Wow, ich bin da“ zusammen. Wald und Stille machten ihr keine Angst, erzählt sie. Stattdessen sei das Gefühl einer Einheit gewachsen. „Und dann war da das Erlebnis, dass es noch ein anderes, großes ‚Ich bin da‘ gibt. Das aus dem brennenden Dornbusch“, sagt sie. In diesen Wochen in Ranft träumte sie einmal von Bruder Klaus. „Ich begegnete ihm in seiner Klause und überhäufte ihn mit Fragen. Er sagte immer wieder: Lass dich ein.“

Sie lebt zurückgezogen, sperrt die Welt aber nicht aus

„Ich bin da“ und „Lass dich ein“ sind seitdem die Leitworte von Schwester Fabienne Bucher. Sie zierten die Einladung zu ihrer Eremitinnen-Weihe und hängen in ihrer Küche in Niederteufen an der Wand. Seit 2011 hat Schwester Fabienne im ehemaligen Knechtehaus des Klosters Wonnenstein ihre Einsiedelei eingerichtet. Dort betet und arbeitet sie, meditiert, baut Gemüse im Garten an, backt Brot, gießt Kerzen oder knüpft Gebetsschnüre. Neben den üblichen Räumen gibt es in ihrem Haus auch ein Oratorium mit Ikonen, Tabernakel und der Radskizze von Bruder Klaus.

„Die Tage hier haben eine feste Struktur: Am Morgen bin ich in der Stille, am Nachmittag widme ich mich meiner Arbeit.“ Ihr Handywecker läutet in der Stille mit Kirchenglocken die Gebetszeiten ein. Ein fester Punkt im Tagesablauf sind die Radionachrichten. Denn auch wenn sich Schwester Fabienne für das zurückgezogene Leben entschieden hat, sperrt sie die Welt nicht aus.

Sie ist präsent in Form einer Landkarte über dem Backofen, in dem Schwester Fabienne nun Hefezöpfe backt. Die Karte ist übersät mit Stecknadeln – jede kleine Nadel steht für einen Bekannten der Schwester auf der ganzen Welt, jede große für ein Krisengebiet. Reichen die Nachrichten aus dem Radio nicht aus, recherchiert Schwester Fabienne im Internet zu aktuellen Themen. „Ich habe hier keine Wohlfühloase, der Rest der Welt ist mir nicht egal“, sagt die Eremitin. Die Probleme der Welt schließt sie in ihre Gebete mit ein. Oder sie betet für Menschen, die sich mit ihren Problemen direkt an sie gewendet haben. Denn die Eremitin empfängt auch Besucher zum Seelsorgegespräch. Geld verdient sie mit alldem nicht, zum Eremiten-Dasein gehört es aber, für den Lebensunterhalt selbst aufzukommen.

Schwester Fabienne hat sich deshalb mit 60 Jahren frühpensionieren lassen und lebt von der Rente. „Das reicht vollkommen, auch um mit anderen zu teilen“, sagt die Eremitin. Viele Lebensmittel baut sie selbst an. Bei Bedarf fährt sie in die Stadt, um das einzukaufen, was es vor Ort nicht gibt. Das tut sie mit ihrem Auto, diesen Luxus gönnt sich die Einsiedlerin. „Es war ein Balance-Akt abzuwägen, was ich an Sicherheit brauche und was nicht. Das Auto hilft mir, auch mal einen Liebesdienst für andere zu machen.“ Viele andere Dinge hat sie dafür hinter sich gelassen. Sie fehlen ihr nicht, sagt Schwester Fabienne. Zu groß sei für sie das, was sie gewonnen hat.

Anna Stommel

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Anna Stommel

Stip 2010, lebt in Konstanz und arbeitet als Online-Redakteurin beim „Südkurier“. Dort hat sie auch volontiert. Inzwischen setzt sie die Themen für „Südkurier Online“ und beschäftigt sich mit der Frage, wie die digitale Zukunft eines regionalen Medienhauses aussieht.