Die Vorgängerin

Dagmar Reim war die erste Frau an der Spitze einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt. Heute hält sie Distanz zu ihrem ehemaligen Sender und beschäftigt sich lieber mit einer besonderen Sammlung. Eine Annäherung.

Von Julius Heinrichs (Stipendiat 2015)

„Ich arbeite daran, die beste Vorgängerin der Welt zu werden“, sagt Dagmar Reim. Zum Beispiel, indem sie sich auf ihre Sammlung konzentriert: Traueranzeigen, an die 900 mittlerweile, eingehüllt in Klarsichtfolie, akkurat kategorisiert in 61 Themenfelder. „Da ist eine“, sagt Reim begeistert, „in der es heißt: ‚Mein Schwiegervater, die Personifizierung geistigen Hochmuts und menschlichen Versagens, starb am 8. März 1980 im 91. Lebensjahr.‘ Herrlich!“ Es ist die erste Anzeige ihrer jahrelang wachsenden Sammlung. Als Reim sie las, damals vor fast 38 Jahren, kam sie ihr so skurril und ungewöhnlich vor, dass sie deren Urheber recherchierte: Einen Herrn, dessen Schwiegervater ihm einst die Ehe mit seiner Tochter zu untersagen suchte.

Die Sammlerin

Die Sammlung zeigt, erstens, Dagmar Reim ist eine Journalistin, die selbst bei Traueranzeigen die Recherche aufnimmt. Zweitens: Sie meint es ernst mit ihrem Rückzug aus dem RBB. Denn eine gute Vorgängerin, findet Reim, ist eine Vorgängerin, die sich raushält. „Man muss die Leute machen lassen. Jeder sollte seine Möglichkeiten haben.“ Sagt sie und meint ihre Nachfolgerin als Intendantin des RBB, Patricia Schlesinger. 13 Jahre lang stand Reim an der Spitze des Senders, ehe sie die Intendanz vor eineinhalb Jahren überraschend aus privaten Gründen abgab.

Die Vereinende

Reim war die erste Intendantin einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt – in schwierigen Zeiten. Gleich zu Beginn musste die Stipendiatin 1971 den Sender Freies Berlin (SFB) und den Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB) zusammenführen. Zwei Sender, die unterschiedlicher nicht hätten sein können – ein Haus mit 50-jähriger Tradition, ein Sender der Wende. Reim entschied mit ihren Kollegen, wer Führungspositionen bekommen und wie aus großen Unterschieden ein Ganzes werden sollte. Angenehm war diese Aufgabe nicht. In der Anfangszeit waren Drohungen, Beschimpfungen und Verunglimpfung nicht ungewöhnlich. „Es gab Tage, da wollte mein Mann mich nicht aus dem Haus lassen.“

Die Vorgängerin I

Doch trotz Sparzwang, Anfeindungen und Unterschieden wurde Reims‘ Modell des Umbaus zum erfolgreichen Vorbild für weitere ARD-Reformen und konkurrierende Hauptstadtmedien. Später war Reim die erste, die eine multimediale Programmdirektion für Radio, Fernsehen und Online einführte. Sie wusste ihre Co-Intendanten auf ihrer Seite – mit fast allen hatte sie bereits gearbeitet.

So denkt Dagmar Reim über die Medienbranche

  1. „Als ich Journalistin wurde, war das super einfach. Wir waren eher faul an der Uni, stolperten einfach so in den Arbeitsmarkt – und da lagen die Jobs. Das ist heute anders, und ich wünschte, es würde für die Anfänger wieder einfacher werden.“
  2. „Der Journalismus mag in einer Krise stecken, aber das ändert nichts an seinen Prinzipien. Egal, welche Formate, Medien und Techniken kommen und gehen. Aber wenn der Journalismus irgendwann anfängt, nicht mehr nach Wahrhaftigkeit zu suchen, dann müssen wir ihn abschaffen. Zum Glück gibt es gute Hinweise darauf, dass es so nicht kommen wird.“

Reim begann als Redakteurin beim Bayerischen, Westdeutschen und Norddeutschen Rundfunk, wurde dann Chefredakteurin des NDR-Hörfunks und später Direktorin des NDR-Landesfunkhauses Hamburg. Warum sie sich für den Journalismus entschieden hat? Ihre Waage habe ihr gesagt, dass es mit dem Ballerina-Dasein nichts würde, scherzt sie.

Die Unsichere

Wie es denn so sei, als Frau an der Spitze einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt zu sitzen, werde sie oft gefragt, erzählt Reim. „Da sage ich dann immer: Woher soll ich das wissen – ich war immer Frau.“ Das sagt eine, die es stört, dass so wenige Positionen wie die ihre einnehmen. Die gezielt Journalistinnen ermutigt hat. Und die weiß, wie schwer es ist, mehr Frauen in Spitzenpositionen zu bringen. Einerseits, weil Männer für freiwerdende Positionen gerne andere Männer vorschlügen. Andererseits, weil es Frauen schwerer fällt, nach diesen Positionen zu greifen. „Wenn ich früher einen Mann gefragt habe, ob er eine neue Position haben will, war die Reaktion immer: ‚Ja klar, wann geht es los?‘ Wenn man hingegen eine Frau gefragt hat, hieß es: ‚Warum ausgerechnet ich?‘“ Sie selbst war da keine Ausnahme. Als ihr Chef sie zur Chefredakteurin Hörfunk machen wollte, brachte Reim ihm eine Liste mit 17 Gründen dagegen und dreien dafür. Da sagte ihr Chef: „Ihr Frauen seid seltsam. Ihr wollt was werden, und dann drückt ihr euch.“ Er las die Liste nicht, Reim nahm an.

Die Selbstsichere

Seither kämpft Reim gegen Blockaden an. Denn Frauenförderung ist für sie ein Top-Down-Prozess, immer noch. Dabei arbeiteten gemischte Teams, das müsse doch jeder einsehen, besser als monochrome, sagt Reim.

Das empfiehlt Dagmar Reim jungen Journalistinnen

  1. „Schauen sie sehr genau, mit wem Sie sich vermehren wollen. Sprechen Sie vorher über das Nachher. Nach dem Volontariat gab es beim RBB ungefähr zur Hälfte Frauen, zur anderen Hälfte Männer. Nach acht Jahren waren 80 Prozent der Männer noch da, aber nur 20 Prozent der Frauen. Beim ersten Kind arbeiten die Frauen oft weniger, beim zweiten sind sie weg. Wenn es schlecht läuft, sind sie nach zehn Jahren geschieden und raus aus dem Beruf.“
  2. „Denken Sie nicht, Sie könnten das alleine schaffen. Bilden Sie Netzwerke und sprechen Sie mit Menschen aus der Branche, denen Sie vertrauen. Freunde sind zwar gute Gesprächspartner, aber beruflich gibt es einen Punkt, an dem Sie mit denen nicht mehr weiterkommen. Haben Sie keine Scheu, ihre Probleme anderen darzulegen.“

Wenn sie ihren Führungsstil beschreibt, sagt sie: dialogbereit. Sie sagt aber auch, am Ende habe sie es stets mit Willy Brandt gehalten, den sie auch in anderen Interviews so gerne zitiert: „Demokratie darf nicht so weit gehen, dass darüber abgestimmt wird, wer in der Familie der Vater ist.“ Trotzdem sei sie stets zunächst Journalistin und dann Intendantin gewesen. Eine, deren Stimme an Volumen gewinnt, wenn sie bebend vom Reporter-Einsatz in der Nacht der deutschen Einheit erzählt. Eine, die viel durchgemacht hat. Als sie das Ende des Berliner Radiosenders „multikulti“ beschloss, brannten Strohpuppen mit ihrem Gesicht, sogar Todesdrohungen gingen ein. Trotzdem blieb sie standhaft, verteidigt bis heute ihre Position. In keinem Interview nimmt sie ihre einstigen Standpunkte zurück.

Die Engagierte

Denn wenn Reim sich für eine Sache einsetzt, dann zieht sie sie durch. Die Liste ihrer Ehrenämter ist länger als der Lebenslauf der meisten: im Wissenschaftsrat, in einem Verein zur Unterstützung von Flüchtlingen, in einem Hamburger Kinderhospiz und in etlichen anderen Stiftungen, deren Namen klangvoll sind.

Die Vorgängerin II

Doch langsam, sagt die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, sei es an der Zeit, auch die Ehrenämter zurückzuschrauben. Reim ist 66, sieht aus wie 56 – und rödelt wie eine 26-Jährige, trotz Nicht-Mehr-Intendanz. Vor zwei Jahren wollte sie mehr Zeit für die Familie haben. Geklappt hat das nur halb. Das soll sich nun schrittweise ändern. Auch, um mehr Freiraum für die Kultur zu haben, die Reim so liebt, vor allem die Oper. Oder für ihre Sammlung mit über 900 Traueranzeigen. Zum RBB habe sie mittlerweile eine „große innere Distanz“ aufgebaut – trotz allen Herzbluts, das im Sender steckt. Anders funktioniere das Raushalten nicht. Und schließlich würde sie gerne die beste Vorgängerin der Welt werden.

Titelbild: rbb/Thomas Ernst

Julius Heinrichs

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Julius Heinrichs

Ist nicht gut in Sudoku, mit Tabellen kann er besser. Entwickelt gerade datenjournalistische Projekte. Auch, um sich zu vergewissern, dass sein Master mit Schwerpunkt Statistik nützlich war. Wenn er seinen Rücken nicht krumm sitzt, reist er durch die Republik und schreibt Reportagen für das „RedaktionsNetzwerk Deutschland” (RND) und andere. Lieber lang als kurz, lieber mit dem Kopf rein ins Geschehen als vom Schreibtisch aus, lieber kein Schlaf als Newsdesk, immer Kaffee zum Frühstück. Am Wochenende trinkt er den in Leipzig auf seinem Balkon und guckt Krähen zu. Manchmal slamt er für Freigetränke auf Leipziger Bühnen. Julius Heinrichs hätte gerne vier Hühner und ein Baumhaus im Wohnzimmer. Und er hat Torial.