„Die frohe Botschaft darf doch Spaß machen.“

Als Social-Media-Redakteur versucht Simon Wiggen, das Image der Kirche zu verbessern. Mal erhält dabei Maria ihre eigene Facebook-Seite, mal landen die Sternsinger im Karaoke-Taxi. Ideen, die unter anderem beim Kicken entstehen.

Von Marie Eickhoff (Volontärin 2014)

Wenn er durch die Bürotür geht, muss er sich kurz zur Türklinke runterbeugen. Simon Wiggen ist ein großer Typ. Lange Beine, langer Oberkörper, lockiger Kopf. Auf seinem Schreibtisch steht immer eine Kanne Tee. Den trinkt er viel lieber als Kaffee, auch wenn der Beutel noch drin hängt. In der Ecke liegt ein Fußball. Der gehört zum Arbeitsmaterial. Beim Brainstorming passt sich der 34-Jährige den Ball manchmal mit seinem Kollegen zu. Wer ihn hat, muss spontan einen Begriff sagen. Dabei ist alles erlaubt, was einem einfällt. „Wenn wir Sinnvolles und Quatsch mischen – das ist dann meistens eine gute Idee“, sagt Simon Wiggen.

Er arbeitet im Bistum Essen als Redakteur für interne Kommunikation und Social Media. Die Stelle für sozialen Medien teilt er sich mit einem weiteren Redakteur. Die Produkte der beiden fallen auf. Sie erzählen zum Beispiel die Ostergeschichte per „Whatsapp“-Messenger, richten Maria von Nazareth einen Facebook-Account ein oder lassen die Sternsinger im Karaoke-Taxi singen.

Simon Wiggens Arbeit ist Reputationsmanagement. „Wir wollen das Image der Kirche verbessern“, sagt er. Ihr Image liegt ihm am Herzen, weil er katholisch verwurzelt ist. Er war Messdiener, Pfadfinder, Sternsinger. Als Redakteur sind in seiner Zielgruppe nicht nur die, die katholisch sind und in die Kirche gehen. „Wir machen das auch gerade für die 90 Prozent, die nicht in die Kirche gehen, aber irgendwie noch mit ihr verbunden sind.“

Die Beiträge sollen tiefsinnig sein – aber auch unterhalten

Um diese Menschen zu erreichen, ist es nicht ratsam, sich Schranken zu setzen. „Viele denken vielleicht manchmal zu verkopft und vorsichtig“, sagt Simon Wiggen. „Sie denken, glaube ich, schnell: Das können wir doch nicht machen – aus katholischen Gründen.“ Ein Vorurteil ist zum Beispiel, dass Unterhaltungsbeiträge keinen tiefsinnigen Inhalt haben können. Simon Wiggen findet es gut, wenn seine Inhalte andere unterhalten. „Die frohe Botschaft darf doch Spaß machen.“

Er genießt es, dass er bei der Arbeit frei herumspinnen kann. Das geht besonders entspannt, weil sein Abteilungsleiter und Bischof Franz-Josef Overbeck die kreative Arbeit des Essener Social-Media-Teams unterstützen. Gelegentlich würden die sich wohl schon fragen, ob etwas tatsächlich eine gute Idee gewesen sei, sagt Wiggen. „Aber dann sehen sie, dass es läuft“ – und dass die modernen Beiträge in den sozialen Netzwerken viele Menschen erreichen. „Bischof Overbeck hat mal gesagt, dass er über Twitter mehr Menschen erreiche, als wenn er predige.“

Simon Wiggen im Fragenhagel

Die Sehnsucht nach draußen

Neben dem Diensthandy liegt das private Smartphone. Es hat eine Schutzhülle aus Holz. So natürliche Dinge mag Simon Wiggen. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen am Stadtrand von Bochum. Den Großen bringt er morgens über einen Feldweg zum Kindergarten, den Kleinen zur Tagesmutter. Im Familiengarten wachsen Bohnen, Mangold und Salat. Das Gemüse zu pflanzen, zu pflegen und zu ernten, ist Simon Wiggens Hobby. Am liebsten kocht er dann damit. „Mein Kollege kocht auch gerne“, erzählt er. In ihren Chats gibt es deshalb meist zwei Themen: neue Ideen für die Arbeit und neue Rezepte.

Ursprünglich hat Wiggen Geografie und Biologie studiert. Das hat mit seinem heutigen Beruf nur wenig zu tun. „Aber man sagt, Geografen können alles zusammenhalten“, sagt er und lacht über sich selbst. Nach seinem Studium hat er bei der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ volontiert und für den Medienverband der evangelischen Kirche gearbeitet. Jetzt ist er zufrieden in Essen. Wenn er abschalten möchte, blättert er durch Outdoor-Magazine oder geht nach draußen – am liebsten ans Meer.

Musik von der „Anti-Troll-Playlist“

Nachmittags läuft in der Redaktion oft Musik. Dann sitzen nur noch Simon Wiggen und sein Kollege hier und hören meistens entspannten Rock. An Tagen mit vielen Hasskommentaren starten sie die „Anti-Troll-Playlist“. Das kommt aber selten vor. Die meisten Kommentare, die das Bistum Essen beispielsweise bei Facebook bekommt, sind harmlos. „Teilweise ist unsere Arbeit in den Kommentaren sogar seelsorgerisch.“

Wiggen erzählt, dass sie nach dem Absturz des „Germanwings“-Fliegers 2015 schnell eine Kerze im Dom angezündet und davon ein Video gemacht hätten. Es wurde einer der erfolgreichsten Beiträge des Bistums Essen. Viele Nutzer haben den Beitrag geteilt oder mit persönlichen Geschichten und Gedanken kommentiert. Der Beitrag war zwar schlicht, aber er war im richtigen Moment online. „Solche Beiträge laufen, glaub ich, weil die Leute was brauchen, um ihre Trauer loszuwerden“, sagt Simon Wiggen. Er findet gut, wenn die Nutzer dann auf einer kirchlichen Seite einen Platz dafür finden.

Feierabendbilder mit #dnkgtt

In der Mittagspause dreht er oft eine Runde zu Fuß durch die Stadt. Er macht lange Schritte, das geht schnell. Essen liegt im Ruhrgebiet und ist von vielen Kulturen geprägt. Das hilft, mit den Gedanken nicht im eigenen Gedankenkreis zu bleiben. Türkischer Kiosk, indisches Restaurant und ein alternatives Café mit selbst gebackenem Kuchen. „Respekt! Kein Platz für Rassisten“, steht auf einem Blechschild im Café.

Wenn er nach neuen Online-Trends sucht, schaut er auch erstmal zu. „Ich gucke mir an, welcher Trend läuft, und überlege, wie wir da mitspielen können.“ Nach vier Jahren Erfahrung kann Simon Wiggen viele Beiträge so planen, dass sie erfolgreich sind. Regelmäßig postet er zum Beispiel schöne Feierabend-Bilder mit dem Hashtag „#dnkgtt“. Wann er Gott persönlich dankbar ist? Er bleibt kurz im Türrahmen stehen. „Wenn ich abends meine Kinder ins Bett bringe und zudecke. Für meine Familie bin ich dankbar.“

Marie Eickhoff

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Marie Eickhoff

Dorfkind aus dem Sauerland. Hat mit „Petersson und Findus“ geübt, die lustigen Dinge in den Ecken des Lebens zu sehen, und analysiert jetzt Salzstangen an der TU Dortmund. Studiengang: Wissenschaftsjournalismus. Schwerpunkt: Biowissenschaften/Medizin. Ist als @musikantenmadl bei Twitter und hat Torial.