Der ungläubig Erstaunte

Das ifp hat sich geöffnet – für Andersgläubige, Zweifler, Atheisten. Der erste konfessionslose Stipendiat ist längst am Institut angekommen: Felix Keßler, Jahrgang 2017. Unterwegs mit einem, der neugierig ist.

Von Lea Utz (Stipendiatin 2016)

Diesmal ist es fremder als sonst. Glocken schellen, Weihrauch wabert durch die Luft, die Orgel klingt feierlich. Mehrere hundert Männer und Frauen, die Hände über den Mänteln gefaltet, strömen nach vorne an den Altar, über dem ein an die Decke gepinselter, bärtiger Gott Vater seine mächtigen Arme ausbreitet.

Aufstehen, anstehen, der Leib Christi. Amen.

Die Menge kniet.

Vorne in der zweiten Reihe ist Felix Keßler auf der Holzbank sitzen geblieben, das Liedheft in den Händen zusammengerollt, die Unterlippe nachdenklich nach vorn geschoben. Wie die meisten Menschen im Schiff der St. Peter und Paul-Kirche ist er für das Jahrestreffen der katholischen Journalistenschule ifp nach Potsdam gereist. Er hat viel mit ihnen gemeinsam, aber dieses Adjektiv „katholisch“ gehört nicht dazu. Denn Felix Keßler ist der erste Stipendiat am Institut, der nicht getauft ist.

Es ist Keßlers erster großer Festgottesdienst in einer katholischen Kirche. Den süßlich-schweren Geruch des Weihrauchs mag er eigentlich, aber vieles ist ungewohnt, wieder einmal: die getragenen Lieder, der eindringliche Appell des Bischofs, die Choreographie der Rituale. „Das war schon ziemlich traditionell“, sagt Keßler später diplomatisch, draußen in der nasskalten Novemberluft. Er sieht ein bisschen erleichtert aus.

Ein „lieber Gott“ spielte in Keßlers Kindheit keine Rolle

Ein ebenso kühler Novembertag ein paar Wochen vorher, an einem Ort, an dem er sich wohler fühlt: das Ufer der Außenalster in Hamburg. „Mann, ist das ‘ne hübsche Stadt“, sagt Keßler über sein Zuhause, die Hände in den Jackentaschen, und blinzelt halb verwundert in Richtung Bilderbuchhimmel. Keine Wolkendecke und klare Sicht bis zum Fernsehturm – das gibt es hier selten.

Das Gleiche gilt für Katholiken. Wie viele Norddeutsche ist Felix Keßler ohne Weihwasser, Heiligenfiguren und Beichtstühle aufgewachsen. Ein „lieber Gott“ spielte in seiner Kindheit keine Rolle. Und er glaubt bis heute an keinen. Am ifp hat der 20-Jährige bisher trotzdem keine einzige Messe verpasst, nicht einmal die allwöchentlichen Morgenimpulse.

Kennenlerntreffen, das Café „Bobby Reich“ am nördlichsten Zipfel des Sees. Zwischen altmodischen Holzvertäfelungen und weißen Tischdecken nippen ein paar Rentner an ihrem Kaffee. Keßler findet es merkwürdig, so viel über sich selbst zu reden. Meistens hört er lieber zu. „Das finde ich so klasse am Journalismus, dass man einen Anlass hat, sich Geschichten erzählen zu lassen“, sagt er. Er ist ein Beobachter, sucht in seinen Texten das Skurrile im Alltäglichen.

Erste Erfahrungen sammelt er bei einem Fach-Magazin für Yachten

Auch privat hat er ein Faible für abseitige Schauplätze: Szenen aus den Stadien unterklassiger Fußballvereine oder von Skatturnieren in der schleswig-holsteinischen Pampa beschreibt er mit ernsten Augen und trockenem Humor. „Das ist total irre“, sagt Keßler dann gerne und beugt sich auf seinem Stuhl nach vorn. Vielleicht ist es dieses unvoreingenommene Erstaunen, mit dem er der Welt begegnet, das aus ihm den ersten konfessionslosen Stipendiaten an der katholischen Journalistenschule gemacht hat.

Der Anfang der Geschichte liegt draußen auf dem See. Im Boot über das Wasser zu gleiten, allein mit den Geräuschen der Stadt, ist Keßlers Leidenschaft seit Kindertagen. Und mit dem Segeln beginnt auch seine journalistische Karriere: Als Schülerpraktikant schreibt er für das Fach-Magazin „Die Yacht“ über Windparks in der Ostsee und Statistiken der holländischen Seenotrettung. Nach Praktikum Nummer zwei beim „Stern“ verliert der Teenager Keßler das Fernziel Journalismus für eine Weile aus den Augen.

Eine ifp-Absolventin erzählt ihm von der Ausbildung

In den ersten Semesterferien – er studiert inzwischen Amerikanistik und Politikwissenschaft in Hamburg – gibt er dem alten Traum nochmal eine Chance und hospitiert bei der „Sächsischen Zeitung“. Er ist engagiert, stürzt sich ins Lokale, „mitten in den Sumpf“, wie er sagt. In der Dresdner Stadtredaktion lernt er Anna Hoben kennen, Stipendiatin des Jahrgangs 2006 – und hört zum ersten Mal von der studienbegleitenden Journalistenausbildung am ifp. Im ersten Moment ist er abgeschreckt: „Katholisch, dachte ich, da passt du dann ja nicht hin.“

Doch der Gedanke setzt sich fest. Und der Zufall ist auf Keßlers Seite: Auf der Website des ifp steht seit eben jenem Frühjahr der Hinweis, dass die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche für die Bewerbung keine zwingende Voraussetzung mehr ist. Trotzdem zögert er. Am letzten Tag der Abgabefrist schickt Keßler seine Übungsreportage ab, ein paar Monate später sitzt er mit flatternden Nerven im Zug nach München. Am ifp fühlt er sich sofort wohl; er mag das moderne Gebäude, die einladenden Zimmer, das Augustiner-Bier. Aber wie soll er den Katholiken klarmachen, dass er hier richtig ist?

„Ich hatte mir so ganz komplexe Gedankengebilde zurechtgelegt, wie ich die Jury überzeugen könnte, dass ich kein barbarischer Heidenmensch bin“, sagt Keßler. Die Zweifel verpuffen, als er merkt: „Das war dann alles gar nicht nötig.“ Die Abmachung ist klar: Das kirchliche Rahmenprogramm gehört dazu, aber niemand wird gezwungen, daran teilzunehmen. Ein Jahr und eine Handvoll Gottesdienste später scheint das Experiment Öffnung geglückt.

Zum Geburtstag schenken die anderen Stipendiaten ihm Oblaten

In seinem Jahrgang ist Felix Keßlers Sonderrolle längst so etwas wie ein Running Gag. Zu seinem Geburtstag während des Grundlagenseminars überraschen ihn die anderen Stips mit einer Tüte Oblaten – damit er die auch mal probieren darf. „Ich glaub, ich hab nicht viel verpasst“, sagt Keßler dazu trocken.

Die Gottesdienste findet er „immer wieder spannend“, im ehemaligen Geistlichen Direktor Monsignore Sauer hat er einen Vertrauten gefunden. Sogar ein paar Lieblingskirchenlieder hat er entdeckt, „Laudato Si“ zum Beispiel. „Ich komm ja aus dem Fußball, da schmettert man auch gerne solche Hymnen.“

Religiös ist Felix Keßler weiterhin nicht, aber manchmal denkt er an Cat Stevens. Die Musik-Ikone heißt heute Yusuf Islam – eine Nahtoderfahrung hat ihn in kürzester Zeit zu einem tiefgläubigen Muslim gemacht. „Das zeigt mir schon, dass es von jetzt auf gleich in irgendeine Richtung gehen kann, und das würde ich für mich auch auf keinen Fall ausschließen“, sagt Keßler gelassen, wendet sich vom See ab und seiner Kaffeetasse zu. „Aber in welche Richtung? Ich weiß es wirklich nicht.“

Lea Utz

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Lea Utz

Stip 2016 und neu in Hamburg, hat bei der Recherche für diesen Artikel die Außenalster für sich entdeckt. Stationen bei „heute.de”, „Süddeutscher Zeitung”, dpa und „Spiegel Online”. In der Hansestadt studiert sie Politikwissenschaft, Ökonomie und Philosophie und ist im Netz auf Twitter (@utz_lea) und Torial vertreten.