„Damals haben die ja jeden genommen“

Als er sich für den ersten Stipendiaten-Jahrgang des ifp bewarb, wusste Burkhard Mücke nicht, was auf ihn zukommen würde. Nicht jedes Seminar war gelungen, doch er fand seinen Platz im Journalismus. Und ist auch 48 Jahre später noch experimentierfreudig.

Von Korbinian Bauer (Stipendiat 2017)

Burkhard Mücke hat seine journalistische Laufbahn beendet. Ein für allemal. Keine Reportagen, keine Sendungen, keine Filme und auch keine Bücher mehr. Da ist er sich sicher, und das passt auch so. Was 1970 mit dem ersten Stipendiaten-Jahrgang des ifp begonnen hat, beendete Mücke 40 Jahre später mit einem radikalen Schnitt. Ohne Reue. War das Journalisten-Dasein denn so schlimm? Ganz im Gegenteil. Besonders die ersten 30 Jahre beim Radio haben es ihm angetan: „Es war wahrscheinlich die schönste Zeit meines Lebens“, sagt der 73-Jährige.

Im Arbeitszimmer von Burkhard Mücke sieht es nicht nach Ruhestand aus. Der Computer läuft schon am frühen Morgen, die Fotokamera liegt für ihren nächsten Einsatz bereit, zahlreiche Notizzettel an der Wand verkünden die anstehenden Termine: Rom-Reise, Galerie-Eröffnung, ifp-Stammtisch. Vom Schreibtisch aus sieht er in einen verschneiten Hinterhof in der Münchner Au. Mittags hört er die Glocken der nahegelegenen Mariahilfkirche.

Mit 15 Jahren kam Mücke aus Deggendorf nach München, machte eine Gärtnerlehre und ministrierte in den Gottesdiensten. Als der Kaplan ihm nichts mehr über die lateinischen Namen der Pflanzen beibringen konnte, ging er auf das Gymnasium im Wolfratshauser Stadtteil Waldram und begann danach ein Philosophie-Studium bei den Münchner Jesuiten.

Danach wollte er eigentlich bei der Philosophie bleiben, doch dann platzte der Journalismus in sein Leben: „Dass ich beim ifp gelandet bin, war einfach Glück“, erzählt Burkhard Mücke. „Lothar Jenders, der damalige Chef der Katholischen Hochschulgemeinde, in der ich aktiv war, drückte mir eines Tages einen ifp-Flyer in die Hand und meinte, das sei doch was für mich.“ Die Bewerbung war erfolgreich.

Bibel-Stunden für Katholen-Fuzzis

Schon bei der ersten „Ferienakademie“ rumorte es in den Reihen der 24 Jungjournalisten, die auf den Freisinger Domberg gekommen waren. „Was uns damals geboten wurde, war schon arg katholisch-klerikal geprägt“, erinnert sich Mücke. Ein Auszug aus dem Seminarprogramm: „Kirche und Publizistik“ mit dem damaligen Medien-Bischof Walther Kampe, Bibel-Stunde zum Thema „Zeitliches und Überzeitliches an den zehn Geboten“ mit Exegese-Professor Norbert Lohfink. Trotz des überwiegend journalistischen Inhalts war das Grummeln der Studenten, von denen einige noch von der 68er-Bewegung geprägt waren, kaum zu überhören. „Wir wollten doch nicht als Katholen-Fuzzis in die Welt geschickt werden.“ Ein Jahr später nannten die 1970er-Stipendiaten ihre erste Zeitung, die sie während des zweiten Seminars in Salzburg gestaltet hatten, „Frust – Zeitung für Angepasste“.

Die Aufmüpfigen des ersten Jahrgangs, wie Burkhard Mücke sie nennt, haben am ifp Spuren hinterlassen: „Am Anfang hat das ifp noch jeden genommen. Im Jahr darauf wurde bei der Auswahl der Stipendiaten wohl etwas stärker gesiebt.“

Die Gelegenheit genutzt

Wenn Burkhard Mücke von seinem erstem ifp-Praktikum beim „Bayrischen Rundfunk“ (BR) erzählt, staunt er noch immer über die glücklichen Umstände, die ihm gleich den Einstieg in seinen Beruf als Autor ermöglichten. Und er ist stolz, dass er die Gelegenheiten zu nutzen wusste. Während seines Praktikums fiel ein freier Mitarbeiter aus, der gerade eine 45-minütige Sendung zum Thema Landwirtschaft abliefern sollte. Der gelernte Gärtner Mücke versuchte sein Glück. Das Ergebnis: „Rückblickend nicht sendbar“, sagt er. Doch der BR brachte das Stück trotzdem, und für Burkhard Mücke öffnete sich der Weg in den Journalismus.

Zuerst einmal im Monat, dann wöchentlich berichtete Mücke über Landwirtschaft, Gärten, Landschaftsgeschichte und Umweltschutz. Anfangs nur im Radio, später auch im Fernsehen und Online. Nach seinem Praktikum blieb er als „fester Freier“ beim BR. 1994 hatte er die Idee zur Garten-Sendung „Querbeet“, die er anfangs selbst produzierte und die seit 1998 alle zwei Wochen im Fernsehen gesendet wird. So ziemlich alle botanischen Gärten in Europa hat er besucht, außerdem Gärten und Parks in Japan und den USA.

„Querbeet“ mit dem „Herrn Doktor“

Immer an seiner Seite: sein Kollege und Lebensgefährte John Ferguson. Der „Herr Doktor“, wie Mücke ihn nennt, brachte als promovierter Biologe das wissenschaftliche Know-How in die Sendungen mit ein. „Das mit uns war nie ein Geheimnis“, sagt Burkhard Mücke. Auch beim ifp und im BR habe jeder davon gewusst. „In dieser Hinsicht waren damals schon alle sehr offen. Wir waren und sind einfach auch ein gutes Team.“

Der Inhalt der Regale in Burkhard Mückes Arbeitszimmer zeugt vom erfolgreichen Teamwork der beiden: Zahlreiche Buchrücken weisen sie als Autoren aus. Bücher über Pflanzen, Gärten und das Waldsterben stehen neben der Naturgeschichte des römischen Autors Plinius.

Journalisten waren früher flexibler

Das hätten sie alles nur deshalb erreichen können, weil Journalisten früher flexibler gewesen seien, sagt Mücke. Heute gebe es mehr Planstellen in den Redaktionen, doch die kreativen Räume würden zu Gunsten administrativer Abläufe weniger. „Aber das eigentlich Erfüllende ist doch nicht, eine fertige Sendung an die nächste zu reihen, sondern der kreative Schaffensprozess dahinter.“

Auch deshalb genießt Burkhard Mücke seinen Ruhestand. Er steckt viel Zeit in das Schreiben in Wikipedia. Da kann er so lange schaffen, wie er will, ohne dass es auf Termine und die Größe der Artikel ankommt. Dafür hat er jetzt wieder Zeit. Und so richtig zur Ruhe setzen will er sich dann doch nicht.

Wikipedia im Ruhestand

In den letzten zwei Jahren half Mücke beim Aufbau des Münchner Wikipedia-Standorts und widmet sich seitdem in zahlreichen Artikeln den Themen, für die er sich schon immer interessierte, für die er jedoch früher keine Zeit hatte. So kümmerte er sich zum Beispiel auch um den ifp-Artikel auf Wikipedia. Ob das nicht auch wie ein Job sei? – Definitiv nicht, denn inzwischen könne er sich jeden Morgen überlegen, ob er darauf Lust habe.

Dem ifp fühlt sich Burkhard Mücke weiterhin sehr verbunden. Gelegentlich besucht er den Münchner ifp-Stammtisch. Gerade den festen Standort der Journalistenschule im Medienkloster in München empfindet er als Quantensprung. Aber auch ins sagenumwobene Brixen fahre er noch gern. Wichtig ist ihm der Aufbruch, dass es immer zu neuen Ufern geht. Zehn Jahre im Ruhestand haben Burkhard Mücke nicht den Elan früherer Jahre gekostet. Wie damals 1970, als er mit dem ifp in eine ungewisse Zukunft aufbrach, ist er auch jetzt offen für neue Abenteuer. Das nächste Projekt des 73-Jährigen: eine Alpenüberquerung – natürlich zu Fuß mit seinen „Wikipedianern“.

Korbinian Bauer

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Korbinian Bauer

Hat bei den 17er-Stips einen journalistischen Kaltstart hingelegt und freute sich, einen ebenfalls mit Experimenten vertrauten ifpler interviewen zu dürfen. Studiert in München Katholische Theologie, war beim „Münchner Merkur“ und ist in seiner Freizeit leidenschaftlicher Musikant.