Brüssel statt Brotloses

Stefan Leifert überlegte, eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Heute ist er ZDF-Korrespondent in Brüssel und berichtet über die großen Themen. Das hat auch mit seiner Mutter zu tun – und der Münsteraner Kirchenzeitung.

Von Marco Karp (Stipendiat 2016)

Er sieht nichts. Grelles Scheinwerferlicht blendet ihn. Alles außerhalb des Lichtkegels – im Dunkeln. Noch ein Atemzug. Die grau-grünen Augen fixieren einen Punkt im Nichts. Räuspern. Dann ein Lächeln, der Körper entspannt, der Kopf leicht geneigt, eine klare Analyse. Stefan Leifert, Brüssel-Korrespondent des ZDF, in einer Live-Schalte auf einem EU-Gipfel. Thema: die neuerliche Diskussion um die Migrationspolitik der EU. Ratspräsident Donald Tusk hat den Verteilungsmechanismus für gescheitert erklärt – und damit sehr überrascht. Eine unmissverständliche Kritik an Bundeskanzlerin Angela Merkel, schließlich war der Mechanismus ihre Idee.

Leifert muss darüber reden. Eine Minute. Dann ist die Schalte nach Mainz vorbei, zu den Nachrichten um zwölf Uhr.

Brüssel. Für die Menschen in Deutschland ein Ort, der ganz weit weg ist. Die Herausforderung für Leifert und seine Kollegen: die oftmals komplizierten Beschlüsse der EU in wenigen Minuten erklären.

Trotz allem: Es ist sein Traumberuf hier in Brüssel, weil er nicht mehr über Gurkenkrümmungen redet, sondern die großen Themen behandelt. Euro-Krise, Flüchtlingskrise, eigentlich alle globalen Krisen. Alles wird in Brüssel besprochen.

Leiferts journalistische Karriere fing in Haltern am See an. Ein Praktikum bei den „Ruhr Nachrichten“, das ist die Wurzel seiner Karriere. Für den weiteren Verlauf ist seine Mutter entscheidend – und die Münsteraner Kirchenzeitung. Aus der schneidet sie eine Anzeige aus, die mit zwei Fragen wirbt: „Sind Sie katholisch? Wollen Sie Journalist werden?“ Beides trifft auf Leifert zu.

Professor oder Journalist?

„Du studierst doch sowas Brotloses wie Philosophie und Theologie – wäre das nichts für dich?“, sagt die Mutter, als sie ihm die Anzeige entgegenhält. Zu der Zeit hat er noch nicht entschieden, ob er mal Journalist werden will: „Eine akademische Laufbahn konnte ich mir ebenso gut vorstellen.“

Leiferts Blick gleitet aus dem Fenster, als male er sich ein Szenario aus. Als Professor an einer Universität, nicht als Journalist. Flüchtig. Dann ruhen die Augen wieder im Hier und Jetzt.

2005 promoviert Leifert in München, sein Thema ist die journalistische Ethik bei der Bildberichterstattung. Da hat er die studienbegleitende Journalistenausbildung am ifp schon abgeschlossen. Und dabei seinen Weg gefunden. Er spürte: „Ich finde es spannender an der Front zu sein.“ Also Journalismus. Wichtige Weichenstellung am ifp: Dem Printjournalismus schwört er ab, das Fernsehen hat Leifert in seinen Bann gezogen.

Nach einem Praktikum im ZDF-Hauptstadtstudio legt er sich auf das Berufsziel Fernsehjournalist fest. Er absolviert ein Trainee-Programm beim ZDF, direkt in Berlin. Er bleibt dort als Redakteur. Dann kommt 2015 der Wechsel nach Brüssel. Zwei Stellen werden frei, eine geht an ihn. Das Ausland reizt ihn. Einsätze bei der Papstwahl in Rom, bei der ägyptischen Revolution in Kairo zeigen ihm: Es gibt mehr als nur Berliner Reichstags-Geschichten. Politik hat Leifert immer interessiert. Nun sitzt er im Zentrum der europäischen Politik. Viele verschiedene Positionen. Multinational. Hektisch.

Der Glaube an Gott

Auf Menschen unterschiedlicher Couleur zugehen, sie ansprechen, sie verstehen. Empathie zeigen, das kann Leifert. „Stefan ist der einzige, der nicht weiß, dass er berühmt ist“, erzählt eine Kollegin beim EU-Gipfel. Offenheit, einer seiner Wesenszüge. Und so wichtig hier in Brüssel: Bei den vielen Gremien und Institutionen ist es schwer, den Überblick zu behalten – welches Land vertritt welche Position? Der Kontakt zu ausländischen Kollegen hilft.

Eine wichtige Rolle in Leiferts Leben spielt der Glaube. „Ja, ich glaube an Gott“, sagt er. Fairness, Transparenz, Menschenwürde. Das sind Werte, die er religiös herleitet. „Aber ich habe durch meinen Glauben keine besseren Grundlagen, bin kein besserer Mensch.“ Er überlegt. „Ich vertrete Werte, die jeder Kollege auch woanders, nicht aus dem Glauben heraus, herleiten kann.“

Er ist kein Getriebener, aber gern unterwegs

Blick auf die Uhr. Leifert nimmt sich die Zeit. Pressetermine mit Merkel, Macron, die nächsten Beiträge – sie warten. Hektik, Stress, aber immer da: Menschlichkeit. Und dann wieder die Dynamik der aktuellen Politik. Rastlos. Es gefällt ihm. Auch wenn er gerne mal länger Zeit hätte. Leiferts Traum: drei Mal 90 Minuten zum Thema „Die Welt im Umbruch“. Losgelöst vom Stundentakt der aktuellen Berichterstattung.

Er ist kein Getriebener, aber oft und gerne unterwegs: Riga, Göteborg, Hüttentouren, Halbmarathon, ganzer Marathon, Ski fahren im Winter. Unterwegs auch in Brüssel: Leifert wohnt mit seinem Mann Florian Eder stadtnah, geht gerne im Brüsseler Ausgehviertel Sainte Catherine aus. Er genießt die Melange der Großstadt: Schicke EU-Verwaltungsgebäude treffen auf arabische und schwarzafrikanische Viertel. Viele Praktikanten machen hier ihre ersten Auslandserfahrungen. Zwei Sprachgemeinschaften prallen aufeinander: Flämisch und Französisch. Es ist auch ein Ausbruch aus der EU-Glocke. „Es ist verführerisch, so nahe an der Macht zu sein und sich nur noch mit Machtthemen zu beschäftigen. Personaldiskussionen. Innerparteiliche Kämpfe“, erzählt Leifert. Themen, für die sich Journalisten interessieren, nicht aber die Zuschauer.

Leifert gehört zu der Sorte Mensch, die ihre Arbeit reflektiert. Sein Mann, ebenfalls ein engagierter ifp-Absolvent, arbeitet in Brüssel als Managing Editor beim Politikmagazin „Politico“. Beide sind Vollblut-Journalisten. Leifert hält an Traditionen fest, verschließt sich aber nicht dem Neuen, der Zukunft. Er weiß: der Journalismus hat sich verändert. Man muss sich darauf einstellen.

Nachrichtendroge Twitter

Der Journalismus verändert sich, ständig. Seine Aufgabe ist nicht mehr, zu entscheiden, welche Themen bei den Menschen ankommen. Diese Zeiten sind durch das Internet vorbei. Die Aufgabe sei, Themen sachlich einzuordnen, sagt Leifert.

Damals, in seiner ersten Arbeitswoche, stellt Bundeskanzler Gerhard Schröder dem Bundestag die Vertrauensfrage, die zu einer Neuwahl und dem Ende seiner Regierungszeit führen wird. Schröder auf dem Weg zum Bundestag, Leifert als Reporter daneben. Er ist jung, nervös. Ihm fällt keine Frage ein. Dann doch: „Wie fühlen Sie sich?“ Schröder dreht sich um, platziert sich vor die ZDF-Kamera und sagt dem jungen Reporter ins Gesicht: „Das ist ja ne besonders intelligente Reporterfrage, junger Kollege.“ Leifert lächelt, als er es erzählt. Er kann über sich selbst lachen.

Heute zieht er in kurzen Pausen gerne das Smartphone aus der Hosentasche. Klick auf den blauen Vogel auf weißem Hintergrund. Twitter. Er starrt aufs Handy, ist für einen Moment raus. Leifert ist ein selbsterklärter Nachrichtenjunkie. Faszination Twitter. Symptom der Neuzeit.

„Es ist eine Plattform, auf der man ausspielen kann, was man in einer Minute 30 nicht unterbringt.“ Eine Art Making-of. Die Menschen bekommen so noch mehr Informationen, können hinter die Kulissen blicken. Mehr sehen, mehr wissen. Vielleicht ist das insgeheim eine Reaktion auf Vorwürfe, Journalisten hätten sich entkoppelt. Leifert ist bei den Zuschauern, Zuhörern. Im Internet, auf dem Smartphone, im Fernsehen. Er ist überall. Hektik. Um 16 Uhr wieder. Die schwarze Kameralinse stellt scharf, fixiert seine Augen, er sieht nichts. Noch ein Atemzug.

Titelvideo: ZDF

Marco Karp

Von

Marco Karp

Aufgewachsen im Saarland. Weiß deshalb, dass die großen Geschichten oft im Kleinen beginnen. Studiert „Historisch orientierte Kulturwissenschaften” . Redet gerne, am liebsten ins Mikrofon – im Radio oder bei „ARD Aktuell” . Unersättlich nach Sport und Reisen durch die Welt, hat dabei sein Glück in Brüssel gefunden – bei einem ZDF-Praktikum. Immer auf der Suche nach einem guten Roman und noch besserem Wein.